Ein sibirisches Sommermärchen

Ein Erfahrungsbericht von Regina Lerch über ihre Hospitation in Tjumen, Sommer 2015. 

Meine Hospitation in Russland dauerte insgesamt vier Wochen und bestand aus zwei Teilen. Zunächst war ich im Sprachcamp „SommerUni-Ural 2015“ in der Nähe von Tjumen als Sprachassistentin tätig. Danach durfte ich im „Gebietszentrum für Bildung, Methodik und deutsche Kultur“ in Tjumen einen Plan für Sprachseminare erarbeiten. 

 

Ein paar Stolpersteine zu Beginn…

Los ging es mit ein paar Problemen bezüglich meiner Registrierung. Wegen Unstimmigkeiten musste ich mehrmals nach Tjumen fahren. Allerdings hat sich alles gerade noch rechtzeitig gelöst. Dafür konnte ich so einen Einblick in die russische Bürokratie und in die Behördengänge bekommen, was nervenaufreibend und witzig zugleich war.

 

Aufgaben und Unternehmungen im Sprachlager 

Bogdan, ein Betreuer im Camp, der für mich zuständig war, holte mich mit seinem Opa vom Flughafen in Tjumen ab. Sie fuhren extra durch die Stadt, damit ich gleich die Sehenswürdigkeiten von Tjumen sehen konnte. Das Sprachcamp fand ca. 30 km von Tjumen entfernt in einer ärztlichen Kuranlage (Sanatorium) statt…umgeben von wunderschönen Nadel- und Birkenwäldern und sibirischen (nach meiner Ansicht) Mutanten-Mücken.

Das Sprachlager bestand aus ca. 40 Kindern, drei Betreuern, zwei Lehrerinnen, der Leiterin und ihrem Mann. Ich hatte eine besondere Funktion im Camp: Einerseits gab ich Deutschunterricht für die Jugendlichen mit höheren Sprachkenntnissen und andererseits half ich den Betreuern bei der Vorbereitung ihrer Aktionen und Spiele. Ich hatte ein Zimmer für mich allein. Nebenan war das „Kreativ- und Arbeitszimmer“ aller Mitarbeiter, auch gern als Stab bezeichnet, wo es nicht selten hoch herging.

Die zwei Wochen im Camp waren voller Programm. Der Tag begann mit einer kurzen Morgengymnastik, an der ich auch gerne teilnahm. Nach dem Frühstück fand der Deutschunterricht statt (von 10-12.30 Uhr). Da das Gelände rund um das Sanatorium ziemlich groß und mit Bänken ausgestattet war, waren wir bei gutem Wetter auch öfter draußen und haben dort Deutsch gelernt. Ich habe eine Gruppe von sechs Jugendlichen (13-18 Jahre) hauptsächlich aus russlanddeutschen Familien unterrichtet. Es gab nie große Konflikte, weil die Schüler mir gegenüber sehr höflich und an der deutschen Sprache interessiert waren.
Bereits im Vorfeld hatte ich einen Unterrichtsplan mit bestimmten Themen zur Grammatik erstellt. Allerdings merkte ich schnell, dass ich das bei den Sprachkenntnissen der Kinder nicht ganz durchsetzen konnte. Ich habe dann recht viel improvisiert und versucht, die Stunden nicht wie in der Schule zu gestalten, sondern mit mehr Freiheiten und Spielen. Der Schwerpunkt im Sprachlager und im Unterricht lag jedoch auf dem Leben und der Kultur der Russlanddeutschen. So hatte ich spezielle Hefte vom Internationalen Verband der deutschen Kultur, die ich zur Umsetzung verwenden konnte.

Die beiden Lehrerinnen hatten Lehrmaterial dabei und gaben mir Tipps und Anregungen für meinen Unterricht. Tagsüber bereitete ich meine Stunden vor und half bei Spielen mit (meistens Stationen- oder Ratespiele). Alle zwei Tage gab es für die Kinder und Jugendlichen Workshops: Tanzen, Debatten und Basteln. Ebenfalls alle zwei Tage fuhren wir mit den Kindern in das nahegelegene Schwimmbad. Nach dem Abendessen fanden oft Aufführungen statt (Schauspiel, Tanz, Gesang) oder andere Veranstaltungen (Wettbewerbe, Ratespiele, Disco). An den beiden Sonntagen gab es für die ganze Gruppe Exkursionen. Wir haben an einer Stadtführung in Tjumen teilgenommen und waren auf einer Straußenfarm. Vor allem die Jüngeren waren begeistert.

Jeden Abend versammelte sich das ganze Team, um über den Tag zu sprechen und den nächsten Tag zu planen. Die Lehrerinnen und die Campleiterin waren sehr nett und ich konnte immer nachfragen wenn ich irgendwas nicht verstanden habe.

Den Tagesplan habe ich immer auf ein Flipchart geschrieben. Danach (nicht selten war es da schon fast Mitternacht) saß ich oft mit den Betreuern im „Arbeitsraum“, wo sich produktives Arbeiten und Lachanfälle abwechselten. 

Die zwei Wochen im Sprachlager waren richtig schön. Insgesamt haben wir alle viel gearbeitet und wenig geschlafen, hatten aber auch eine Menge Spaß! Deshalb war der Abschied von allen Teilnehmern auch nicht leicht. Die beiden Betreuerinnen habe ich später, auf ihre Einladung hin, in ihrem Dorf besucht und eine schöne und witzige Zeit verbracht. Und auch der dritte Betreuer, Bogdan, hat mich immer verstanden und war für mich da wenn ich Schwierigkeiten hatte. Mit ihm war es auch witzig, weil er lieber Deutsch und ich Russisch sprechen wollte – so haben wir unsere eigene Sprache entwickelt.

 

Mein Leben in Tjumen

Nach dem Auszug aus dem Camp gab Bogdan mir und ein paar meiner ehemaligen Schüler eine Stadtführung. Als wir den Rest der Gruppe am Bahnhof verabschiedet hatten, fuhren wir zu Bogdans Oma, wo erstmal Pelmeni, Salat, Tee und Torte serviert wurde. Eine unglaublich herzliche Familie! Abends brachten sie mich zu meiner „Gastschwester“ Nastja. Sie wohnt mit ihrer Katze Alisa in einer 1-Zimmer-Wohnung, wo schon ein nagelneues Klappbett auf mich wartete…und es war erstaunlich bequem. Nastja arbeitete von 8 bis 17 Uhr, sodass ich an meinem ersten Tag in der Wohnung viel Zeit für mich hatte. Ich erkundete die Umgebung und fuhr mit dem Bus ins Zentrum. Da Nastja in meinem Alter ist, hatten wir genug Gesprächsstoff, ob auf Russisch, Deutsch oder Englisch. Wir waren Fahrradfahren, bei ihren Eltern, bei Freunden auf der Datscha und in der Banja, beim Pilzesammeln, in ihrem Workout-Training, beim Essen, Tanzen, Kino oder haben abends in der Wohnung gequatscht. 

Tjumen liegt in Westsibirien und ist mit über 600 000 Einwohnern eine angenehme und überschaubare Stadt. Mir hat das Stadtzentrum wirklich gut gefallen, sei es wegen der Architektur, der gepflegten Parks oder wegen der kleinen dekorativen Akzente, die die Stadt einfach schöner machen. 

Ein paar Tage nach dem Ankommen in Tjumen war ich mit der Leiterin des Zentrums für deutsche Kultur im Stadtkern verabredet. Sie gab mir als Aufgabe, einen Plan zu erstellen, an den sich die Betreuer eines Sprachseminars für Kinder halten konnten. Ähnlich wie im Sprachlager sollten Spiele und Aktivitäten geplant werden, um die deutsche Sprache und Kultur kennenzulernen. Es stand mir hierbei eine junge Deutschlehrerin zur Seite, mit der ich mich ein paar Mal absprach und dann selbstständig ein Konzept erarbeitete. Mit der Leiterin und den Mitarbeiterinnen habe ich mich sehr gut verstanden. Alle waren wahnsinnig lieb zu mir. 

 

Verwandte über Verwandte…

Ich sollte erwähnen, dass ich im Süden Kasachstans geboren und als Vorschulkind nach Deutschland gekommen bin. Kurz vor meiner Hospitation habe ich erfahren, dass der Cousin meiner Mama in Tjumen lebt. Auch wenn man sich in Russland nicht kennt wird man dennoch eingeladen. So habe ich ihn und seine Familie besucht. Da mein Opa zwar in Kasachstan, aber nicht weit weg von Tjumen lebt, hatte ich im Vorfeld beschlossen, einen kleinen Abstecher dorthin zu machen. Ich fuhr zunächst nach Jekaterinburg und von da aus mit dem Zug in den Norden Kasachstans, nach Petropawlowsk. Dort holten mich meine Tante und mein Onkel, die ich schon sehr lang nicht mehr bzw. noch nie gesehen hatte, ab. Nach ein paar Tagen fuhr ich mit dem Bus wieder nach Russland. Es war eine tolle Zeit mit der neu entdeckten entfernten Familie. Außerdem gab es noch andere Erlebnisse, die ich im Nachhinein wahnsinnig witzig finde: Die lockere Art der kasachischen Polizisten im Zug, das komplette Ausladen des Gepäcks aus dem Bus zwischen der kasachischen und russischen Grenze und der schnüffelnde Schäferhund sowie die 5-stündige holprige Nachtfahrt in einer vollen Marschrutka (Kleinbus). 

 

Wehmütig zurückblickend… 

Während der Hospitation habe ich erfahren, wie der Ablauf eines Sprachlagers in Russland aussieht. Ich habe Erfahrungen im Unterrichten gesammelt, den Alltag in Tjumen und viele nette Menschen kennengelernt. 
Ich bin wahnsinnig froh und dankbar, dass ich mit der djo diese Erlebnisse machen konnte! 

 

Regina Lerch 
Hospitantin Deutsch-Russisches Hospitationsprogramm
djo-Deutsche Jugend in Europa, Bundesverband e.V.

 

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