Ein Sommer am Fuße des Urals

Ein Erfahrungsbericht von Kristina Großehabig über ihre Hospitation in Tscheljabinsk, Russland im Sommer - Herbst 2016

„Tscheljabinsk? Aha...“ Das war die Reaktion einiger Freunde, als ich ihnen von meinem Reiseziel erzählte. Ja, Tscheljabinsk. In diese weit entfernte Stadt am Fuße des Urals, von der viele – wenn überhaupt – nur einmal in den Medien in Verbindung mit dem Meteoriteneinschlag im Februar 2013 gehört haben, sollte ich im Rahmen des Deutsch-Russischen Hospitationsprogramms der djo- Deutschen Jugend in Europa reisen. Voller Freude und Neugier auf eine fremde Stadt und ein mir unbekanntes Umfeld brach ich Mitte August dieses Jahres auf – um viele wertvolle Erfahrungen, schöne Momente und neue Freundschaften reicher kehrte ich drei Wochen später wieder nach Hause zurück.

Meine Hospitation in Tscheljabinsk verlief im Jugendclub der Russlanddeutschen „Zusammenspiel“. In dieser Zeit wohnte ich in einer WG mit dem Studenten Evgenij, der mich sehr gastfreundlich aufnahm und mir bei Fragen immer gern half. Von der Wohnung im Westen der Stadt konnte ich innerhalb weniger Minuten mit der Marschrutka das Stadtzentrum erreichen, wo ich mich meistens mit meiner Ansprechpartnerin Viktoria, der Leiterin des Jugendclubs, traf. Viktoria war während meiner gesamten Hospitation sehr zuverlässig und engagiert. Dank ihrer Mühe konnte ich mich schnell einleben und in den drei Wochen viel lernen. 

Einen festen bzw. regelmäßigen (Arbeits-)Alltag hatte ich in Tscheljabinsk nicht. Stattdessen stand jeden Tag etwas Neues auf dem Programm, was für mich sehr spannend war. In den ersten Tagen sollte ich mich erstmal in der Stadt einleben. Viktoria zeigte mir einige Sehenswürdigkeiten und zentrale Plätze, aber auch die „deutschen Spuren“ in Tscheljabinsk, wie sie beispielsweise im Stadtteil Metallurgičeskij rajon zu finden sind. Zugleich lernte ich die Kooperationspartner dese Jugendclubs vor Ort und natürlich die russlanddeutschen Jugendlichen selbst kennen. Während unseres ersten gemeinsamen Treffens besprachen und planten wir die nächsten Projekte, wobei ich eigene Projektideen und Vorschläge einbringen konnte. Bei weiteren Treffen des Jugendclubs, die immer im „Dom Družby Narodov“ (Haus der Völkerfreundschaft) stattfanden, hielt ich Präsentationen zur djo-Deutschen Jugend in Europa, zu meinen ehrenamtlichen Tätigkeiten zuhause in Deutschland und zu meiner Heimatstadt Freiburg. Darüber hinaus unterrichtete ich die Jugendlichen in deutscher Sprache. Zudem trafen wir uns häufiger, um deutsche Filme zu schauen oder „typisch deutsch“ zu backen. Besonders viel Freude machte es mir, dass ich regelmäßig in der Universität in Tscheljabinsk im Deutschunterricht assistieren bzw. sogar ganze Unterrichtsstunden halten durfte.

Ich konnte einige interessante Veranstaltungen miterleben. So fand beispielsweise gleich in meiner ersten Woche eine Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Deportation der Russlanddeutschen statt, bei der ich deutsche Gedichte vortrug. Das ruhige, andächtige Beisammensein älterer und jüngerer Menschen, deren Vorfahren ein gemeinsames Schicksal teilten, war ein besonderer Moment. Eine weitere außergewöhnliche Veranstaltung war das Stadtjubiläum. Anlässlich dieses Jubiläums fand ein Kulturfest statt, bei dem die verschiedenen Kulturen bzw. Völker, die in Tscheljabinsk und Umgebung vertreten sind, sowie deren traditionellen Kleider vorgestellt wurden. Hierbei trat ich im Dirndl, das im Ausland häufig als „typisch deutsch“ angesehen wird, auf. Ein weiterer Höhepunkt meiner Hospitation war ein Tagesausflug nach Zlatoust, einer Stadt im Ural, die etwa 150 Kilometer östlich von Tscheljabinsk liegt. Dort besuchten Viktoria und ich das Gymnasium Nr. 10, das einen Schwerpunkt auf Deutsch als Fremdsprache legt, und besprachen mit den Lehrerinnen gemeinsame Projekte wie z.B. die Gründung eines Jugendclubs der Russlanddeutschen in Zlatoust.

Während meiner Hospitation habe ich einen sehr guten Einblick in die Arbeit des Jugendclubs der Russlanddeutschen in Tscheljabinsk erhalten, interessante Menschen kennen gelernt und viele neue Freundschaften geschlossen. Zudem durfte ich am Leben in einer russischen Großstadt teilhaben und konnte meine Sprachkenntnisse verbessern. Was mich besonders freut: Viktoria und ich haben uns zwei deutsch-russische Projekte überlegt („Umwelt und Umweltschutz“ sowie einen Geschenkaustausch), die wir gerne umsetzen würden. Besonders schön ist zudem die Tatsache, dass es mir gelungen ist, Jugendliche mit keinerlei Deutschkenntnissen für die deutsche Sprache und Kultur zu begeistern. So nahm beispielsweise Evgenij regelmäßig an Treffen des Jugendclubs teil und äußerte dabei den Wunsch, Deutsch zu lernen.

In Tscheljabinsk habe ich neue Ideen und Fähigkeiten im Bereich der kulturellen bzw. internationalen Jugendarbeit entwickelt. Dazu gehören das sichere Auftreten und Präsentieren vor einer großen Gruppe, das Berichten über mich und meine Heimat in deutscher, aber auch in russischer Sprache, der Austausch von Projektideen und die Planung dieser Projekte mit internationalem Charakter. Die Hospitation hat mich zudem darin bestärkt, weiterhin in der deutsch-russischen Jugendarbeit bzw. dem deutsch-russischen Jugendaustausch aktiv zu sein und auch in Zukunft immer wieder nach Russland zurückzukehren.

 

Kristina Großehabig 
Hospitantin Deutsch-Russisches Hospitationsprogramm

djo-Deutsche Jugend in Europa, Bundesverband e.V.