Ich habe hier ein neues "Ich" erfahren

Ein Interview mit Elza Fogel über ihre Hospitation bei der sozial-kulturellen Vereinigung „Meridian“ e.V. in Magdeburg, Sommer-Herbst 2015. 

Elza Fogel, eine Aktivistin des Jugendrings der Russlanddeutschen (JdR) in Moskau, hospitierte dieses Jahr ein Monat bei Meridian e.V. und sammelte Erfahrung im Umgang mit den russischsprachigen Kindern und Jugendlichen in Magdeburg. Von ihren Erlebnissen und Eindrücken berichtete Elza in einem Interview mit der Koordinatorin des Deutsch-Russischen Hospitationsprogramms auf deutscher Seite, Olga Dryndova.

 

Was bedeutet für Dich Jugendarbeit? Wie hast Du damit angefangen?

Es ist eine ganz interessante Frage. Jugendarbeit war für mich immer sehr wichtig, dadurch entwickeln sich die Jugendlichen weiter, dadurch werden ihre Lebenseinstellungen geformt. 

Als ich noch an der Uni in Russland studierte, nahm ich an einem Austauschprogramm des Europarates teil, das mich später dafür motiviert hat, einen kleinen Verein an der Uni zu gründen, der sich mit dem Thema Menschenrechte beschäftigen sollte. Das ist uns auch gelungen, wir haben hauptsächlich Workshops, Seminars und Flashmobs organisiert. Die Themen dabei waren unterschiedlich, z.B. Toleranz, Rechte der Studierenden, Partizipation. Damals konnten wir sogar die Unterstützung der Unileitung gewinnen! 

 

Wie bist Du auf das Hospitationsprogramm gekommen und welchen Bezug hast Du zu Deutschland? 

Auf das Programm bin ich über den Jugendring der Russlanddeutschen (JdR) gekommen, als ich an einem Sprachkurs in Moskau teilgenommen habe.  Ich bin ja selber eine Deutschlandrussin … oder Russlanddeutsche? … und dadurch fühle ich einen starken Bezug zu Deutschland. Ich sage immer so: Die russische Literatur hat meine Persönlichkeit entwickelt, aber trotzdem interessiere ich mich sehr stark für die deutsche Kultur, Sprache und Geschichte. 

Ich kann sagen, dass ich hier, in Deutschland, ein neues „Ich“ erfahren habe. Im Ausland sieht man sein eigenes Leben aus einer ganz anderen Perspektive, und dazu kommt noch meinen deutschen Hintergrund – das heißt, ich bin ein bisschen deutsch in Russland, in Deutschland aber eher russisch. Eine Art der doppelten Persönlichkeit! 

Ich habe auch paar „Vorurteile“ über Deutschland bestätigen können: z.B. es ist hier tatsächlich üblich, die Wahrheit zu sagen, selbst wenn sie sehr kritisch ist. Das macht die Kommunikation sinnvoll, denke ich. In Russland habe ich immer gedacht, dass all dieses Lächeln nicht ernst gemeint sind und nicht vom Herzen kommt – jetzt bin ich der anderen Meinung. Das ist doch keine Maske! Menschen hier sind in der Tat offen. 

 

Was war bis jetzt das Schönste, dass Du hier gemacht hast? 

Mir hat es sehr gut gefallen, mit den jungen russischsprachigen Aussiedlern zu arbeiten. Ich habe auch direkten Kontakt zu deutschen Schülern gehabt, die mir geholfen haben, allgemeine Sachen noch Mal aus einer anderen Perspektive zu sehen. Ansonsten bin ich von Magdeburg fasziniert: Hier kann ich endlich die Ruhe haben, die ich nie in Moskau hatte! Ich habe mir hier Orgelmusik angehört, ich habe auch an einer Chorprobe teilgenommen! Also ich habe schon durch all diesen Lieder ein bisschen das Weihnachtsgefühl bekommen. 

 

Hast Du das Gefühl, dass in Deutschland das Interesse an Russland da ist?

Oh ja, ich habe mich sehr gefreut, dass sich nicht nur die Zielgruppe meiner Aufnahmeorganisation für Russland interessiert, sondern auch das allgemeine Publikum. Das war sogar eine Überraschung für mich: Wenn ich sage, dass ich aus Russland komme, dann kommt es nicht unbedingt zu Balalajka, Vodka und Matreschka. Man zeigt ja dafür Interesse, was uns bewegt, welche Werteinstellungen wir haben. 

 

Hast Du einen Unterschied zwischen Jugendarbeit in Russland und in Deutschland gesehen? 

Ja, gute Frage… Eher ja, und zwar dadurch, dass die Jugendarbeit hier einfach interessanter gestaltet ist, als in Russland. Interessanter für die Jugendlichen selbst. In Russland habe ich es so erlebt, dass alles, was geplant ist, auch unbedingt umgesetzt werden soll. Selbst wenn sich die Jugendlichen dabei unheimlich langweilen. Man ist bei uns, so wie ich es sehe, zu sehr auf öffentliches Auftreten konzentriert – auf Konzerte, Festivals – wo Kinder vor dem Publikum tanzen oder singen müssen. Es ist an sich nicht schlimm, man vergisst aber, glaube ich, daran zu denken, was sich Kinder selbst wünschen. Was mich in Deutschland beeindruckt hat: Man spricht hier mit Kindern und Jugendlichen zu sehr ernsthaften Themen, wie etwa Flüchtlinge, oder fairer Handel – sie werden also wie Erwachsene wahrgenommen. Und in Russland  sind Kinder eben Kinder.

 

Ich habe Dich heute schon beim Vorbereiten auf eine Abendveranstaltung gesehen. Was hast Du heute noch vor?  

Ja! Heute habe ich ein Seminar vorbereitet zum Thema „Russland außerhalb von Klischees“. Dabei möchte ich den Jugendlichen einige Infos zu russischer Kultur und Entwicklung der Gesellschaft, aber auch zu Jugendarbeit in Russland und zum internationalen Jugendaustausch geben. 

Und mein Abschlusswort: Ich empfehle allen, die die Möglichkeit dazu haben, ins Ausland zu fahren, dies zu tun! Internationale und interkulturelle Erfahrungen sind sehr wichtig für die Entwicklung des Menschen. Danke noch mal an die djo-Deutsche Jugend in Europa und den JdR dafür, dass ich an dem Hospitationsprogramm teilnehmen durfte! 

 

Elza Fogel
Hospitantin Deutsch-Russisches Hospitationsprogramm
djo-Deutsche Jugend in Europa, Bundesverband e.V.