Keine Chance für Heimweh in Russland!

Ein Erfahrungsbericht von Ella Radion über ihre Hospitation in Saransk, Russland im Herbst 2015. 

Ich dachte mir gar nicht viel dabei, als ich mich auf den Hospitationsplatz bei der djo-Deutsche Jugend in Europa beworben hatte. “Funktioniert wahrscheinlich sowieso nicht, aber versuchen kann mans ja mal”, dachte ich mir beim Absenden der Bewerbung. Für mein Lehramtsstudium musste ich sowieso ein obligatorisches Orientierungspraktikum absolvieren und dann auch noch in dem Land, dessen Sprache ich später unterrichten möchte? Dann wären ja zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen! Als kurze Zeit später der Anruf kam und damit der Bescheid, dass ich eine der auserwählten Hospitanten bin und im September 2015 zum ersten Mal nach Russland fahren kann, war die Freude groß. Von der Stadt, die mir zugelost wurde – Saransk — hatte ich nie zuvor etwas gehört, doch dank Google konnte ich mir einen ersten Eindruck verschaffen und freute mich riesig auf die Hospitation.

Nach einem Zwischenstopp in Moskau kam ich am 4. September am Saransker Flughafen an, wo mich meine Chefin mit Blumen empfing und zur Gastfamilie fuhr. Das Wochenende verbrachte ich erstmal damit, mich einzuleben und alle Mitglieder der tollen Gastfamilie kennenzulernen, im traditionellen russischen Dorf.

Montags ging es dann los mit der Arbeit in Saransk, wo ich mit meiner Gastschwester zusammen in einer 4-Zimmer-Wohnung lebte. Ich unterrichtete nachmittags, von circa 14 bis 18 Uhr am “Zentrum für kindliches Schaffen” (центр детского творчества), die freiwillige Deutsch-Sprachkurse für Schüler im Alter von 11 bis 17 Jahren anbieten. Die Kinder waren extrem interessiert an allem, was ich über Deutschland zu berichten hatte und freuten sich darauf, mit mir ihr erlerntes Deutsch auszuprobieren. Dass ich auch die russische Sprache relativ gut beherrsche, obwohl ich eigentlich „Deutsche” bin, hat anfangs zu Verwirrungen geführt, was aber sehr bald in Motivation umschlug. Die Kinder sahen, dass es möglich ist,  auch mehrerer Sprachen mächtig zu sein. Vor allem mit den älteren Schülern, von welchen viele bereits in Deutschland gewesen waren, konnte ich den Großteil des Unterrichts auf Deutsch halten und mit deutschen Videos und Liedern arbeiten.

Anfängliche Schwierigkeiten hatte ich bei meiner zweiten Einsatzstelle: Als der Direktor der Schule, an welcher auch meine Chefin als Deutschlehrerin tätig war von meiner Ankunft erfuhr, wollte er mich dort auch einsetzen. In der Hoffnung, eine junge Deutsche könnte motivierend auf das restliche Lehrpersonal wirken, erhielt ich die Aufgabe, über den gesamten Monat den Unterricht für die relativ kleinen Deutsch-Klassen zu halten. Dies erwies sich als sehr schwierig, da unter den Schülern unter anderem durch unpassendes Lehrmaterial absolute Überforderung und dementsprechend Antriebslosigkeit herrschte. Ohne Aufsichtsperson in den Stunden geriet ich dabei ein paar Male definitiv an meine Grenzen. Dass ich dennoch die Kinder in mein Herz geschlossen habe und dank mühevoller Arbeit nach und nach stetig mehr Erfolgsergebnisse verbuchen konnte, hat mir deutlich gemacht, dass der Lehrerberuf zu mir passt.

Zum Schluss habe ich gar nicht mehr realisiert, wie schnell diese vier Wochen vorbeigingen. Vom ersten Tag an behandelte mich meine Gastfamilie wie eine von ihnen. Von Familienfesten über kulturelle Ausflüge zur “Einführung in die orthodoxe Religion” - alle gaben ihr Bestes, mir das Gefühl zu geben, dass ich dazu gehöre. Keine Chance für Heimweh!

Mein persönliches Highlight war das Festkonzert zum „Tag der Lehrer”, der in Russland intensiv gefeiert wird, zu welchem mich meine Chefin mitnahm. An meinem letzten Tag brachten mir die Kinder etliche Geschenke mit und es wurden unendlich viele Selfies geschossen :D. Es war schwierig, die Tränen zurückzuhalten, aber ich freue mich auch schon darauf, alle in naher Zukunft wiederzusehen. Heute denke ich mit so viel Freude und Glücksgefühlen zurück an diese eigentlich viel zu kurzen vier Wochen, in denen aber so viel Tolles passiert ist. Ich kann Dir nur sagen: Mach es auch! Es wird eine unvergessliche Zeit!

 

Ella Radion 
Hospitantin Deutsch-Russisches Hospitationsprogramm
djo-Deutsche Jugend in Europa, Bundesverband e.V.

 

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