Spontanität und echte Gastfreundschaft!

Ein Erfahrungsbericht von Jessica Ruppel über ihre Hospitation in Glasow, Perm und Moskau, Sommer 2014. 

…Vitalij hatte mich am Flughafen in Ishewsk abgeholt. Er war mir von Anfang an sehr sympathisch und hatte eine offene Art. Doch ich hatte es ihm am Flughafen nicht leicht gemacht, als ich angefangen hatte zu weinen, da mein Koffer nicht mit im Flugzeug war. Er war etwas überfordert mit der Situation, Koffer weg, deutsches Mädchen das erste Mal alleine in Russland und weint. Das fand ich sehr nett und aufmerksam von ihm. Er hat sich um die Situation gekümmert und sich seine Bedenken nicht anmerken lassen. Und durch seine Bemühungen konnte ich am nächsten Tag aufatmen, denn mein Koffer wurde gefunden. Als wir am ersten Abend (02:00 Uhr Ortszeit) an seinem Elternhaus angekommen waren, ist mir sofort die Gastfreundlichkeit aufgefallen, denn seine Mutter wollte noch etwas für mich kochen, doch ich war so müde, dass ich nur schlafen wollte…

 

Anders als geplant?! Keine Sorgen!

Meine Hospitation habe ich in Russland in der Stadt Glasow absolviert. Glasow liegt in der russischen Republik Udmurtien etwa 1400 km südlich von Moskau entfernt. Der Club in dem ich arbeiten sollte nennt sich "Wiedergeburt". Dieser Club kümmert sich um Kinder und hilft bei der Freizeitgestaltung der Schüler und bearbeitet gemeinsam mit Kindern diverse Projekte zur deutsch-russischen Verbindung vor, wie z.B. Theaterauftritte, Traditionen und noch einiges mehr. Meine Hospitation allerdings verlief ganz anders als geplant. Zu der Zeit, als ich in Glasow war, waren in Russland bereits Sommerferien und somit hatte der Club keine Arbeit. Doch der Leiter des Clubs hat sich viel Mühe gegeben mir einen kleinen Einblick in seine Arbeit zu gewährleisten und hatte mir den Club gezeigt und alles erklärt was sie dort machen und mir einige Projekte von den vorherigen Jahren gezeigt. Die Arbeit klingt sehr interessant, nur leider konnte ich sie nicht miterleben und gestalten.

Doch anstelle der Hospitation im Club "Wiedergeburt" bekam der Leiter ein Angebot seiner Chefin an einem Zeltlager für Kinder im Uralgebirge teilzunehmen, welches wir auch in Anspruch nahmen. Das Zeltlager war für Kinder aus dem Dorf Yct Koiwa. Wir haben uns in Perm getroffen und sind gemeinsam mit dem Bus ins Uralgebirge gefahren.

Als wir dort angekommen sind hat uns ein Bus an unsere erste Schlafstelle gebracht. Es war schon zu später Stunde als wir ankamen und mussten somit unsere Zelte im Dunklen aufbauen, was für viel Spaß und Auflockerung innerhalb der sich noch unbekannten Gruppe brachte. Am nächsten Morgen gab es zur Begrüßung kleine Kennenlernspiele und anschließend gingen einige Teilnehmer mit der Leiterin zu deutsch-russischen Bewohnern des Dorfes, die sich bereit erklärt hatten einiges über ihr Leben als Deutschrussen und ihre Zeit in Deutschland zu erzählen. Es war sehr interessant für mich, mit anzusehen wie begeistert die Kinder den Bewohnern zugehört haben und Interesse gezeigt haben. Die Kinder und Betreuer dort waren alle sehr nett und hilfsbereit. Der Rest der Gruppe, die nicht mit ins Dorf gegangen waren, hatte gekocht und die Katamarane zusammengebaut.

Nach dem Essen mussten wir unsere Zelte wieder zusammenpacken und auf den Katamaranen verteilen. Dann ging die erste Floßfahrt los. Wir sind jeden Tag mit dem Katamaran den Fluss abwärts gefahren und haben auch jeden Tag an einer anderen Stelle geschlafen. Unser Tagesablauf war jeden Tag gleich, doch auch jeden Tag verschieden. Es kam nie Langeweile auf. Wir hatten gefrühstückt, dann gab es Deutschunterricht und dann wurde alles wieder zusammengepackt und auf die Katamarane verteilt und flussabwärts bis zur nächsten Schlafstelle.

Dieser Ausflug war von vorne bis hinten sehr gelungen, hat sehr viel Spaß gemacht und war sehr interessant. Besonders gut hatte mir gefallen, wie selbstständig und hilfsbereit die Kinder waren. Die größeren Kinder hatten gegenüber den Kleineren sehr viel Verantwortungsbewusstsein und haben ihnen immer geholfen, wenn sie gesehen hatten, dass ein Kind Probleme hatte. Sie hatten alle gegenseitigen Respekt und vor allem vor den Erwachsenen. Einen Tag waren wir in eine Höhle gegangen und da hat man auch wieder die Hilfsbereitschaft gesehen. Es war sehr eng, verwinkelt und dunkel gewesen in der Höhle. Die größeren Kinder sind meist vorweg gegangen und haben den Kleineren und den Betreuern Hilfestellungen gegeben, wie sie am Besten durch die Gänge kommen. Am Ende des Tages hatten sie in gemeinsamer Arbeit eine Banja gebaut.

 

Ab nach Moskau!

Als mein Leiter und ich wieder in Glasow zurück waren, bekam er erneut ein Angebot an einem Sprachlager in Moskau teilzunehmen. Er fragte mich, ob ich Lust hätte dort mitzuarbeiten als Deutschlehrerin und ich sagte sofort zu. Das war genau die Arbeit, die ich verrichten wollte. Die Betreuer des Teams hatten sich schon 2 Tage vor dem eigentlichen Beginn des Camps in Moskau im "Russland-Deutschen Haus" getroffen. Der Leiter und ich machten uns mit dem Zug auf den Weg von Glasow nach Moskau, das waren knapp 16 Stunden Zugfahrt. Um ehrlich zu sein hatte ich schon Angst davor, weil ich so weite Strecken mit dem Zug nicht gewohnt bin, aber es verlief alles super und die Schlafwagons waren auch sehr bequem.

Als wir dann an dem Treffpunkt angekommen waren, haben wir uns begrüßt und die benötigten Utensilien in den Bus verstaut. Dann sind wir in Richtung Camp aufgebrochen, das ca. eine Autostunde von Moskau entfernt lag. Dort haben wir alles in unsere Häuser verstaut und sind die Planung für die nächsten Tage durchgegangen. Die Anlage des Camps kann man sich ungefähr wie die Center-Parks in Holland vorstellen. In meinem Deutschunterricht waren die "Besten" Kinder. Sie hatten im Sommer ihr Sprachniveau A2 abgelegt. Sie lernen seit 5 Jahren Deutsch. Ich war sehr begeistert von ihrer Sprachkenntnis. Zum größten Teil verlief mein Unterricht so, dass wir nur gesprochen haben über diverse Themen. Ich habe sie auch Diskussionen führen lassen ohne einzugreifen, damit sie die Sprache besser lernen. Sobald ich aber Fehler gehört hatte, habe ich sie verbessert und sie wurden dankbar angenommen. An einem Tag kamen Prüfer vorbei um sich den Unterricht anzuschauen, damit sie sicher seien konnten, dass sich das Camp lohnt. Sie waren sehr zufrieden.

Das Camp war spitze, es hat sehr viel Spaß gemacht, die Kinder hatten wirklich Interesse gezeigt an der deutschen Sprache, haben mich auch unterstützt und den Kindern, die nicht so gut Deutsch sprechen/verstehen, meine Aufforderungen und Erklärungen übersetzt. Meine Schüler haben sich jeden Tag bei mir bedankt und meinen Unterricht gelobt, was mich sehr gefreut hat und mir gezeigt  hat, dass sie mit Freude an meinem Unterricht teilnehmen und ich ihnen etwas beibringen konnte. Sie haben mir am Ende des Lagers ein Plakat gemalen, worüber ich mich sehr gefreut habe! Das Lager hat mich für meinen späteren Berufswunsch nur gestärkt. Mir ist klar geworden, dass ich später auf jeden Fall mit Kindern arbeiten möchte, ob als Lehrerin sei erstmal dahingestellt, aber dass ich mit Kindern arbeiten möchte steht fest!

 

Echte russische Gastfreundschaft

Nun möchte ich auch noch ein paar Worte über meine Gastfamilie erzählen. Meine Gastfamilie bestand aus 4 Personen, dem Vater Gleb, der Mutter Svetlana, dem Sohn Vitalij und der Tochter Olga und nicht zu vergessen der süßen Katze Lulik. Meine Gastfamilie war spitze! Sie nahm mich vom ersten Tag an herzlichst auf und gaben mir das Gefühl ein Teil der Familie zu sein. Mit der Verständigung hatte es natürlich etwas gehabert aber im Laufe der Zeit ging es besser und mein Gastbruder sprach gut Englisch. Am ersten Abend hatten mich Svetlana und Olga mit in die Banja genommen, aber das ist nichts für mich. Sie gaben sich viel Mühe, damit ich mich heimisch fühle, hatten für mich mitgekocht und mich überall mit hingenommen wo sie hin sind. Und sie hatten mich nie alleine irgendwohin gehen lassen, es war immer jemand bei mir. Ich habe so gut es geht versucht meine Gastmutter im Haushalt zu unterstützen, habe mit ihr gekocht, sind einkaufen gegangen, geputzt. Was ich sehr freundlich fand war, dass sie meine Wäsche mitgewaschen hatte.

Ich bin meiner Gastfamilie unendlich dankbar, dass sie mich so herzlich aufgenommen hatten und viel Geduld mit mir hatten. Ich freue mich, wenn ich sie wieder nächstes Jahr besuchen kann.

Alles in allem war meine Reise nach Russland ein voller Erfolg, bis auf das Verschwinden des Koffers. Ich habe viele neue interessante und nette Menschen kennengelernt, die Kultur, Tradition, verschiedene Städte. Ich kann nichts Negatives berichten, sie haben sich alle sehr viel Mühe gegeben, mir den Aufenthalt so schön wie möglich zu gestalten und eines steht fest: Russland wird mich wieder sehen. Für nächstes Jahr bin ich wieder eingeladen worden, an solch einem Camp teilnehmen zu dürfen.

Vielen Dank!!!

 

Jessica Ruppel

Hospitantin Deutsch-Russisches Hospitationsprogramm

djo-Deutsche Jugend in Europa, Bundesverband e.V.