Zurück nach Istanbul mit Neuen Partnern und Ideen!

Ruhat Kara, ein Vorstandsmitglied der kurdischen Kinder- und Jugendorganisation CIRA in Istanbul, hospitierte 2015 in Berlin und Dresden bei KOMCIWAN - Kurdischer Kinder- und Jugendverband e.V. Von seinen Erfahrungen und Eindrucken berichtete Ruhat  in einem Interview mit der Koordinatorin des Internationalen Hospitationsprogramms auf deutscher Seite, Olga Dryndova (das Interview wurde auf Deutsch mit Übersetzung durchgeführt).  

 

Ruhat, Du bist schon über einen Monat in Deutschland. Bist Du hier zum ersten Mal? Wie bist Du auf das Programm gekommen? 

Ja, das ist mein erstes Mal in diesem Land, und ich bin von vielen Sachen positiv überrascht! Über das Hospitationsprogramm habe ich 2014 von KOMCIWAN gehört. Sie haben damals ein Projekt in der Türkei organisiert und sind dadurch mit uns in Kontakt getreten. Ich bin bei der Organisation CIRA schon seit sechs Jahren im Vorstand. Wir haben damals gedacht, so ein Fachkräfteaustausch wäre für unseren kleinen Verein sehr vorteilhaft. 

 

Womit beschäftigt sich CIRA?

CIRA ist eine kurdische Kinder- und Jugendorganisation in Istanbul mit dem Schwerpunkt Kultur. Wir versuchen, unter Jugendlichen Interesse an kurdischer Kultur, Musik, Folklore und Sprache zu erregen, damit es nicht vergessen wird. Wir sind also kein politischer Verein, aber natürlich haben wir unsere politische Meinung. Die Kurse für Jugendliche, die wir anbieten, sind in der Regel kostenlos, unsere Aktivisten arbeiten ehrenamtlich. 

 

Was waren bis jetzt Deine Aufgaben im Rahmen der Hospitation? Was hat Dich am meisten beeindruckt? 

Das größte Projekt, in dem ich mich einbringen konnte, war die KOMCIWAN Winterakademie in Eschwege (Hessen). Mehr als 50 Jugendliche aus ganz Deutschland und der Schweiz haben daran teilgenommen. Die Hauptidee der Akademie ist Gedankenaustausch zu ermöglichen sowie Jugendliche zum gesellschaftlichen Engagement zu motivieren. Die Themen der Seminars und Workshops waren sehr breit, vom Netzwerk der kurdischen Studien in Deutschland über die Gewaltprävention in der Familie bis zu Möglichkeiten des EU-Programms Erasmus+. 

Mich hat dabei sehr beeindruckt, wie motiviert und offen die Teilnehmenden waren, wie viele Chancen für Engagement sie hier in Deutschland haben. Uns in der Türkei fehlt das noch und ich sehe die fehlende Finanzierung unserer Verbandsarbeit als einen wichtigen Grund dafür. Natürlich, war es für mich interessant, das Leben der Jugendlichen mit kurdischem Hintergrund in der Türkei und in Deutschland zu vergleichen. 

Sonst habe ich vieles Organisatorisches gelernt: Wie solche große Veranstaltungen ablaufen, oder wie organisiert man z.B. Vorstandssitzungen. Diese Kenntnisse nehme ich unbedingt mit in die Türkei. Ich hatte auch die Möglichkeit, direkt mit Geflüchteten in einem Lager in Bremen in Kontakt zu kommen - KOMCIWAN ist dort auch sehr aktiv. 

 

Was bedeutet für Dich Jugendarbeit? 

Vor allem, Jugendlichen dabei zu unterstützen, was Gutes für ihre Gesellschaft zu tun, sich weiterzuentwickeln und ihre eigene Meinungen zu bilden. Natürlich ist für uns auch politische Jugendarbeit sehr wichtig. 

 

Was hast Du gelernt und was war die größte Herausforderung für Dich? 

Herausforderung? Weiß ich nicht so richtig... Vielleicht die deutsche Sprache? Die kenne ich nicht… Aber ich arbeite hier auf Türkisch, Kurdisch und Englisch, das funktioniert super! Was ich gelernt habe? Wie gesagt, Organisationsablauf von großen Veranstaltungen, allgemeine Besonderheiten und finanzielle Möglichkeiten der Verbandsarbeit in Deutschland. Insbesondere interessiert mich jetzt das Programm Erasmus+, ich möchte unbedingt in der Zukunft EU-Projekte durchführen. Natürlich habe ich auch endlose Kontakte und neue Freunde gefunden, mein deutsches Netzwerk sieht jetzt viel besser aus ;) Auch einige Methoden der Jugendarbeit nehme ich mit. 

 

Letzte Frage: Hattest Du Stereotype über Deutschland, die sich bestätigt oder nicht bestätigt haben? 

Ja, ich dachte, die Deutschen sind kalt und distanziert. Das ist Quatsch! Ich wurde hier so warm aufgenommen, alle, die ich kennengelernt habe, haben Interesse an meiner Arbeit und meiner Heimat gezeigt. Ich muss sagen, ich habe nur Positives in Deutschland erlebt - und ich habe es mir viel schlimmer vorgestellt! Dafür muss ich mich entschuldigen :). Sonst finde ich Deutschland tatsächlich sehr systematisch, und da sehe ich auch mehr Vorteile, als Nachteile. Ich bedanke mich ganz herzlich für die Möglichkeit, hier als Hospitant arbeiten zu können! Ich bin mir sicher, unsere Partnerschaft wird sich weiterentwickeln.

 

Ruhat Kara 
Hospitant Internationales Hospitationsprogramm
djo-Deutsche Jugend in Europa, Bundesverband e.V.