Zurück nach Russland mit dem Hospitationsprogramm

Ein Erfahrungsbericht von Johann Lamm über seine Hospitation beim Jugendring der Russlanddeutschen in Moskau und Barnaul, Sommer 2014. 

Drei Wochen Hospitanz. Zu wenig? Naja, hängt davon ab, wofür und für wen. Für einen Deutschen, um eine ganz andere Kultur kennen zu lernen ist die Zeit eher zu knapp. Jedoch für einen Russen, der seit elf Jahren in Deutschland lebt, jedoch seine Landeskultur auffrischen und seine Kenntnisse auf eine andere Weise effektiv nutzen möchte, reicht die Zeit sehr wohl.

Ich möchte an dieser Stelle keinem Deutschen abraten, dieses Programm in Anspruch zu nehmen – ganz im Gegenteil! Man muss sich eben etwas mehr Zeit nehmen. Die Zeit würde sich auf jeden Fall lohnen, denn neben den erwartenden Verbesserungen in der neu gelernten Sprache und Kultur entwickelt sich die Fähigkeit, neue Herausforderungen anzunehmen und eine andere Lösung für Probleme finden zu können. Man wächst sowohl als Spezialist für die Jugendarbeit als auch in der eigenen Persönlichkeit.

Angefangen hat bei mir das ganze vor drei Jahren, als ich zum ersten Mal über JunOst e.V., einem Verband der russischsprachigen Jugend in Deutschland, gehört habe. Ziemlich schnell habe ich Kontakte mit dem Vorstand geknüpft und habe angefangen aktiv mitzumachen: Einerseits als Teilnehmer von zahlreichen interessanten Veranstaltungen, andererseits als ein Teil vom Organisationsteam. Erst 2014 habe ich von dem tollen djo-Hospitationsprogramm erfahren und musste mich sofort bewerben.

Tätigkeitsfelder und Beschäftigungen gab es während des Programms zu genüge: Ich habe dort Seminare und Workshops durchgeführt (vom Beruf bin ich Ingenieur für Medienproduktion), bei der Organisation vom Sommercamp mitgemacht, bei den täglichen Routine-Aufgaben des Jugendclubs mitgeholfen, zum Teil neue Projekte mitgeplant und natürlich Deutsch unterrichtet :).

Sprich, ich fühlte mich wie ein Teil der Familie. Jeden Tag gab es etwas Neues und somit wurde mir nie langweilig. Einen typischen Tag bei so einer Hospitation kann man grob so beschreiben: Morgens trifft man sich im Büro und bespricht zunächst den Tagesablauf (ähnlich den typischen Meetings in Unternehmen). Wenn an diesem Tag eine Veranstaltung geplant wurde, war der Tag der Vorbereitung der Veranstaltung (die meistens abends stattgefunden hat) gewidmet. An allen anderen Tagen war a-priori das Thema der Weiterentwicklung des Jugendclubs auf dem Programmzettel. Wir haben uns Gedanken gemacht, wie wir effektiv um neue Mitglieder werben können und welche Themen für die Jugendlichen aktuell sind.

Ich war meistens im multimedialen Bereich beteiligt: Flyer, Social Media, PR und sonst alles, was audiovisuell mit dem Jugendclub und deren Tätigkeit verbunden werden konnte. Irgendwann kam das  gemeinsame Mittagessen, meistens irgendwo in der Stadt. Danach gingen wir zurück, jeder an seine Aufgaben und abends waren kleine Stadtausflüge oder gemeinsames Beisammensein geplant.

Was die Jugendarbeit betrifft, war die Hospitation für mich in erster Linie eine Möglichkeit, praktische Erfahrungen auf internationaler Ebene zu sammeln. Kontakte knüpfen, Projekte entwickeln und das Betrachten des Innenlebens der Organisationen dort –  all dies gibt Inspiration für die weitere Arbeit und erweitert außerdem verschiedene Perspektiven.

Auch der kulturelle Austausch war für mich wichtig. Mag zwar auf den ersten Blick unglaublich klingeln –  was kann ein Russe von einem Russen lernen? Da kommt aber ein wichtiger Punkt ins Spiel: Ein Russe, der seit vielen Jahren in Deutschland lebt. Ich selbst wohne seit 11 Jahren hier und all die Jahre haben mich natürlich geprägt. Meine gewonnenen Erkenntnisse konnte ich meinen Landsleuten aus dem anderen Land in vielen Diskussionen sehr gut nahebringen, und wir kamen der Wahrheit gemeinsam ein Stück näher.

Allgemein kann ich so ein Programm für alle empfehlen und würde gerne wieder teilnehmen. Man hört schließlich niemals auf zu lernen :)  

 

Johann Lamm

Hospitant Deutsch-Russisches Hospitationsprogramm

djo-Deutsche Jugend in Europa, Bundesverband e.V.