Assyrer_innen zwischen Ost und West

Die Deutsche Einheit als Vorbild? 

Die Deutsche Einheit, der Zusammenschluss der ehemaligen DDR und der BRD ist mittlerweile 30 Jahre her. Was bleibt, ist die Rede vom einem „Ost-West-Gefälle“ in der Bundesrepublik Deutschland. Gemeint sind damit politische, ökonomische und soziologische Unterschiede innerhalb des heutigen Deutschlands. Diese weisen auf die verschiedenen historischen Abschnitte der deutschen Geschichte hin, die nach dem Zweiten Weltkrieg von äußeren Kräften geschaffen wurden. Diese wurden jedoch am 03. Oktober 1990 überwunden, indem sich das Volk gegen die geschaffenen Konstrukte hinwegsetze. Nun befindet sich Deutschland in einem „Ost-West-Gefälle“, welches man bemängeln kann und muss. Aber immerhin befindet es sich in einem funktionierenden Staat, der Bundesrepublik Deutschland. Doch wie passen die Assyrer_innen, eine Jahrtausende Jahre alte Volksgruppe, in diesen Kontext? Auf den ersten Blick gar nicht, auf den zweiten jedoch auf vielen Ebenen. 

Herkunft und Religion 

Die Assyrer_innen stellen eine ethnische und religiöse Minderheit im Nahen Osten dar und gelten heute als Ureinwohner_innen Mesopotamiens. Das assyrische Volk lebte seit seiner Christianisierung um das 1. Jahrhundert unter den Einflüssen des byzantinischen und persischen Reiches. Die Tatsache, dass die Assyrer_innen im Westen und im Osten unter unterschiedlicher Herrschaft lebten, führte dazu, dass sich das Volk nach und nach in zwei unterschiedliche Richtungen und somit zwei große Gruppen entwickelte. Diese sind heutzutage als West- und Ostassyrer_innen bekannt. Dies ist nur einer von vielen Faktoren für die bis heute entstandenen Unterschiede und Trennung, welche in ihrem Ursprung sehr komplex ist. 
West- und Ostassyrer_innen unterscheiden sich nach Jahrhunderten der künstlichen Segregierung insbesondere durch eigens entwickelte Dialekte und verschiedene entstandene Konfessionen. Geprägt wurden sie durch die territoriale und konfessionelle Spaltung, welche in neuen Siedlungsgebieten und Kirchen mündete. Diese Spaltungen vertieften sich über die Zeit und führten zu Unterschieden, die wiederum durch die Interessen der vorherrschenden Reiche geprägt wurden. Die Ostassyrer_innen gehören hierbei besonders der assyrischen Kirche des Ostens und der chaldäisch-katholischen Kirche an. Sie stammen insbesondere aus den Bergen von Hakkari in der heutigen Türkei, bewohnen den heutigen Nordirak, die Niniveh- Ebene, Urmia im heutigen Iran und sind auch entlang des Flussufers des Khabour im heutigen Syrien angesiedelt. Letzterer Ort ist ein hinzugekommener Siedlungspunkt, welcher durch die Flucht vor den Jungtürken und kurdischen Stämmen im Genozid von 1915 sowie dem Simele-Massaker durch die irakische Armee und kurdische Stämme von 1933 entstanden ist. Die Westassyrer_innen, die mehrheitlich Teil der syrisch-orthodoxen und syrisch-katholischen Kirche sind, kommen heute hauptsächlich aus dem Gebiet des Tur Abdin, welches in Südostanatolien liegt. Die meisten Westassyrer_innen stammen aus der Stadt Mardin und Midyat und den umliegenden Dörfern. Das ursprüngliche Siedlungsgebiet der Westassyrer_innen war jedoch bis zum Völkermord viel größer und erstreckte sich einige hunderte Kilometer weiter nach Westen bis nach Kharput (Türkei). Durch brutlaste Auseinandersetzungen wurden die Menschen jedoch zur Flucht gezwungen und trennten sich auch territorial noch weiter auf. 

Es ist festzuhalten, dass in den ersten Jahrhunderten der Trennung durchaus noch Vermischungen der beiden Gruppen vorhanden waren und auch die konfessionellen und sprachlichen Grenzen geografisch nicht eindeutig den vorherrschenden Reichen zuordenbar oder gar nicht existent waren. Durch die laufende Unterdrückung und Dezimierung, entwickelte sich bis heute eine tiefere Trennung mit klaren Abgrenzungen. 

Sprache 

Auch sprachlich lassen sich Unterschiede – jedoch auch viele Gemeinsamkeiten — entdecken. Obwohl die West- und Ostassyrer_innen zwei sehr verschiedene Kerndialekte sprechen, ist es doch unverkennbar, dass es sich um dieselbe Sprache handelt — nämlich um den west- und ostsyrischen Dialekt, welche beide zur Neu-Ost-Aramäischen Sprachfamilie gehören und von den Assyrer_innen selbst auch einfach als Aramäisch oder Assyrisch bezeichnet werden. Das klassische Syrisch ist die in den Kirchen der Assyrer_innen genutzte Liturgiesprache, welche grundsätzlich für beide Gruppen verständlich ist. Die größten Unterschiede liegen in der Aussprache und den einzelnen Lautverschiebungen. 
Im Ostdialekt nennt man das Alphabet „Alap Bet“, im Westdialekt „Olaf Beth“. Während ein Hallo (wörtlich: Friede sei mit dir) im Ostdialekt „Shlama“ ausgesprochen wird, wird es im Westdialekt „Shlomo“ und in Regionen, in denen sich die Dialekte vermischten wie bspw. in der Botan Region, auch „Shloma“ ausgesprochen. In der syrischen Schrift wird alles identisch geschrieben. Da das klassische Syrisch eine alte Hochsprache ist, blieb sie befreit von modernen Einflüssen aus dem Arabischen, Persischen und Türkischen. Im Gegensatz hierzu erlebten die West-, Ost- und Zwischendialekte unterschiedliche Einflüsse anderer moderner Sprachen. Dies ist ein entscheidender Grund dafür, dass die gegenseitige Verständlichkeit der west- und ostassyrischen Dialekte erschwert wird. 

Besonders der bereits erwähnte Völkermord von 1915 zwang die Assyrer_innen zur Flucht und Umsiedelung innerhalb ihrer Heimat und wurde später auch Anlass für die Prägung des Begriffes Genozid durch Raphael Lemkin. Seit jüngster Zeit flüchten die Assyrer_ innen jedoch nicht mehr vom Berg ins Tal, sondern verlassen ihre Heimat gänzlich. Die Bürgerkriege in Syrien und im Irak und besonders der Aufmarsch des IS brachten die Assyrer_innen dazu, nach Europa, Nordamerika und Australien zu flüchten. In westlichen Ländern mit christlichen Werten erhoffen sie sich, ein neues Leben in Frieden aufbauen zu können. Hierzu trägt der Assyrische Jugendverband Mitteleuropa e.V. bei. 
Den Mitgliedern des AJM e.V. ist der Austausch und Kontakt deshalb so wichtig, weil ihnen ihre Herkunft und dessen Überleben am Herzen liegen. Die Assyrer_innen sind durch aufeinanderfolgende Genozide von einem Großreich auf eine kleine Minderheit geschrumpft. Durch das Sprechen der Sprache und die Ausübung der Kultur erhoffen sie sich als Volk in der Fremde zu überleben und dies unabhängig ihrer territorialen, religiösen und kulturellen Herkunft — unabhängig davon, ob sie „Ossis“ oder „Wessis“ sind, wie man hier in Deutschland sagen würde. 

Somit teilen auch die Assyrer_innen, ähnlich wie die Deutschen, das Schicksal einer Trennung in Ost- und Westassyrer_innen durch externe geopolitische Interessen und Eingriffe. Der große Unterschied ist hierbei jedoch, dass Deutschland es aufgrund eines gemeinsamen Landes und eines gemeinsamen Willens geschafft hat, sich zu vereinigen. 

Ist die Deutsche Einheit also als Vorbild zu betrachten? 

Moralisch und ideologisch betrachtet stellt die Bundesrepublik Deutschland mit Sicherheit ein beispielsloses Vorbild einer Wiedervereinigung dar! Realitätsbezogen lässt sie sich leider jedoch nur schwerlich als Vorbild für Assyrer_innen heranziehen, da sie nicht dieselbe Ausgangslage hat. Ohne ein Territorium, welches allen Assyrer_innen ein gemeinsames, friedvolles, sicheres Leben bietet und ohne die Aufmerksamkeit und Unterstützung externer Mächte, die solch eine Wiedervereinigung aktiv unterstützen und nicht hindern, rückt die Idee einer nachhaltigen Wiedervereinigung in die Ferne. Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir als AJM e.V. nicht unseren Beitrag dazu leisten würden oder wollen, eben diesen Schulterschluss zwischen den Gruppen zu fördern! 

Mit den angebotenen Austauschen und Begegnungen mit Organisationen in der Diaspora und der Heimat mit Ost- und Westassyrer_ innen, Aktionen und Projekten möchte er diesen Austausch fördern. Durch Projekte wie „Bshayno.Willkommen“ möchte der Verband es besonders jungen Assyrer_innen, welche aufgrund von Verfolgungen, Diskriminierungen, Vertreibungen und Ermordungen in Massen ihre indigene Heimat verlassen mussten, eine Anlaufstelle darstellen und sie auffangen, während er gleichzeitig die Bewahrung ihrer Kultur und Herkunft fördert. Einige Mitglieder haben bereits durch die neu geschlossenen Freundschaften zwischen Ost und West neue Dialekte, Tänze, Gerichte, Geschichten und vieles mehr über die vermeintlich anderen und sich gelernt. 

Beim AJM e.V. wird kein Wert darauf gelegt, welchen Dialekt man spricht oder welcher Konfession man angehört, denn das, was zählt, sind die Gemeinsamkeiten. Jugendliche und junge Erwachsene, die hier geboren sind oder erst seit ein paar Jahren Deutschland, Österreich und die Schweiz ihre Heimat nennen, kommen zusammen, tauschen sich aus und lernen voneinander. 

Die Einbindung aller assyrischen Gruppierungen, Kirchen und Ideen in Mitteleuropa und der ganzen Welt liegen dem AJM e.V. am Herzen, weshalb er hingegen der schwierigen Umstände immer eine Wiedervereinigung und eine inklusive Einheit für die Assyrer_ innen befürwortet und anstrebt. 

AJM e.V.
in Kooperation mit Robina Lajin,
Ninos Hermez und Mariana Markos