Bischkek, Kirgisistan und seine Jugend

Ein Erfahrungsbericht von Irina Sidorenko über ihre Hospitation in Bischkek, Kirgisistan im Frühling 2018

„Ich fliege nach Bischkek“ – mit diesen Worten erzähle ich meinen Freund_innen und meiner Familie, dass ich an dem Hospitationsprogramm der djo – Deutsche Jugend in Europa teilnehmen werde. Die Blicke von einigen verraten: nicht alle kennen das Land und haben keine Vorstellung, wohin meine Reise geht. Auch ist es für manche schwierig zu verstehen, was so ein Hospitationsprogramm bedeutet. Bis vor kurzem wusste ich es selber nicht so genau! 

Ich lache, wappne mich mit viel Geduld und erkläre alles nach und nach, bis die fragenden Blicke verschwinden. Eine Weltkarte, die zuhause in meinem Wohnzimmer an der Wand hängt, kommt jetzt super gelegen. Ich zeige auf der Weltkarte „Hier… das ist Kirgisistan, hier liegt Bischkek, Bischkek ist die Hauptstadt von Kirgisistan und Kirgisistan ist ein Staat in Zentralasien. Ein Ex-Sowjetunionstaat und dort, paar Autostunden Fahrt von Bischkek entfernt, gibt es einen wunderschönen See, den Issyk Kul oder zu Deutsch „den heißen See“. Der Name kommt vermutlich daher, weil der See im Winter nicht gefriert. Die Kirgisen aber nennen ihren See auch „die Perle Kirgisistans“. 

Ca. 7000 Kilometer Entfernung muss ich überwinden, dann kann ich sicherlich diesen von Bergen umringten See mit eigenen Augen sehen und meiner eigentlichen Mission „Einblicke in die Jugendarbeit in Kirgisistan“ nachgehen. Das Hospitationsprogramm gibt mir die Möglichkeit, einen Einblick in den Arbeitsalltag einer kirgisischen Jugendeinrichtung zu bekommen und zu erfahren, welchen Besonderheiten und Herausforderungen die Jugendarbeit in Kirgisistan gegenübersteht. Gesagt, getan! Nun sitze ich im Flugzeug der Turkish Airlines und bin tatsächlich sehr aufgeregt, was mich erwartet und wie ich in Kirgisistan zu Recht komme. Auch wenn ich Russisch spreche, was mir meinen Aufenthalt in Kirgisistan erleichtern wird, weiß ich schon jetzt, dass ich herausgefordert und als eine andere Person zurückkommen werde. Und genau diese Neugier sorgt für Aufregung und Ungeduld, endlich im Land anzukommen, um meine unvergessliche Erfahrung zu starten. 

Jugendarbeit vor Ort

Einige „on board-Filme“ später und nach dem Staunen, wie schön die Natur ist, über die ich fliege, bin ich in Kirgisistan. Ich schon, aber mein Koffer ist in Istanbul geblieben, sodass ich mit leichtem Handgepäck vom Manas Bischkek Flughafen von einer Kollegin abgeholt werde. Es ist Wochenende und ich habe Zeit in Ruhe anzukommen und nach dem langen Flug auszuschlafen.

Als der erste Arbeitstag beginnt, mache ich für mich sofort eine Entdeckung: Arbeiten in Kirgisistan bedeutet, eine neue Welt zu entdecken. In meiner Aufnahmeorganisation, dem Institut für Jugendentwicklung, werde ich herzlich aufgenommen und mit einer Kennenlern-Runde beginnt der erste Tag, gefolgt von einer Führung durch das Haus und Vorstellung der Kolleg_innen und der Arbeitsbereiche. Heute ist das Institut für Jugendentwicklung eine der führenden Organisationen in Kirgisistan, die mit jungen Menschen zusammenarbeitet und die Entwicklung der Jugendpolitik vorantreibt. Die Prioritäten des Instituts sind die Stärkung der Beteiligung junger Menschen an Entscheidungsprozessen, die Verbesserung der Jugendfähigkeit und die Erfüllung der Bedürfnisse und Anforderungen junger Menschen in Kirgisistan in Zusammenarbeit mit staatlichen und kommunalen Behörden, internationalen und nationalen Organisationen.  

Nach zahlreichen angelesenen Informationen über die Arbeit des Instituts und die kirgisische Gesetzgebung in Bezug auf die Jugendarbeit unterstützte ich das Institut bei der Auswahl von kirgisischen Freiwilligen im Rahmen des Freiwilligendienstes "Weltwärts". Darüber hinaus war ich für die Analyse der „European Card“ und der deutschen Jugendkarte "Juleica" verantwortlich, mit dem Ziel der Entwicklung eines ähnlichen Konzepts der „Asian Youth Card“ und Anpassungsmöglichkeit in Kirgisistan. Auch setzte ich mich mit internationalen Plattformen und Organisationen auseinander, um Wege der Zusammenarbeit zwischen dem Institut und anderen aktiven Organisationen im Bereich Jugendarbeit zu gestalten. 
Mit diesen Aufgaben habe ich ein Bild über die kirgisische Jugend bekommen – ihre Vorlieben, Nöte, Probleme und Zukunftsvisionen – all das gibt die Statistik gut wieder.

Für weitere Einblicke gehe ich jedoch einfach auf die Straße und tauche in das alltägliche Leben ein. Ich setze mich in den Park oder in ein Café, gehe auf den Bazar und beobachte dabei die Umgebung mit der Frage im Kopf: „Wie leben die Jugendlichen hier in Kirgisistan? Was bewegt oder motiviert sie? Unterscheiden sich ihre Wünsche und Träume von den Wünschen und Träumen der Jugendlichen in Deutschland oder auf der ganzen Welt sogar? Was sind ihre Ziele und was brauchen sie, um sie zu erreichen?“ Ich kann mit eigenen Augen sehen, was in der Statistik untergeht. Was ich für mich herausfinde: So viele Unterschiede gibt es eigentlich nicht. Nur sind nicht die gleichen Voraussetzungen und Möglichkeiten für die Entfaltung und Partizipation junger Personen gegeben. Aber man ist auf dem Weg und Projekte des Instituts wie „Jashtar Camp“ (Jugendcamp) oder das Programm “Prospects for Youth” zeigen, dass etwas bewegt wird.  

Abgesehen von meinem Einsatz im Institut nehme ich mir Zeit, die wunderschöne Natur Kirgisistans zu entdecken. Dank meiner Kollegin, Carmen Heurich gelangte ich in das Jurtencamp Issyk-Kul und zusammen mit internationalen Gästen besuchte ich den Ala-Artscha Naturpark und das Hausmuseum des berühmten kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow.  

Mit viel Expertise zurück!

Mittlerweile neigt sich mein Einsatz in Bischkek dem Ende zu. Fast fünf Wochen sind so schnell vergangen. Ich habe viele Höhen, Tiefen und Abenteuer erlebt und Reisen und Arbeit miteinander verbunden.  Als ich zurückfliege, geht mein Koffer schwer zu, weil ich viele Souvenirs nach Deutschland mitnehmen muss. Aber neben Souvenirs und arbeitsrelevanter Literatur nehme ich den größten Schatz mit. Die gewonnene Erfahrung, die mich ein Stückchen weiter zu einer Mini-Expertin über die Jugendarbeit in Kirgisistan gemacht hat und die neue Motivation, mich auch in Zukunft in diesem Land zu engagieren.  

 

Irina Sidorenko                                                                                                       
Hospitantin, Internationales Hospitationsprogramm                                 
djo-Deutsche Jugend in Europa, Bundesverband e.V.