Ein Deutsch-Chinesisches Fachkräfteprogramm

„Gleichwertige Lebensverhältnisse und gleiche Chancen für junge Menschen schaffen“ 

Von Tanja Rußack
 

Ich hatte mich sehr gefreut, an dem Deutsch-Chinesischen Fachkräfteprogramm von IJAB, der Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V., teilnehmen zu dürfen. Los ging die große Reise mit einem Vorbereitungstreffen, wo ich die anderen 6 Teilnehmer*innen das erste Mal traf. Ich habe mich in der Gruppe sofort sehr gut aufgehoben und auch durch die Vertretung vom IJAB betreut gefühlt. Das Seminar diente dazu, uns auf unseren Aufenthalt in China, mit 1,4 Milliarden Einwohner*innen das größte Land der Welt, welches neue wirtschaftliche und technologische Maßstäbe setzt, vorzubereiten. Als wir im Juni in den Flieger stiegen, waren also nicht nur unsere Koffer mit Gastgeschenken vollgepackt, sondern auch unsere Köpfe gefüllt mit umfangreichem Wissen, vor allem aber mit viele Erwartungen und großer Vorfreude.  

In China angekommen ging es nach einer kurzen Erholungspause gleich zum ersten Fachbesuch beim Allchinesischen Jugendverband in Peking, einem der zentralen Akteure in der politischen Struktur Chinas und Dachverband der Jugendorganisationen des Landes. Die Mitarbeiter*innen stellten uns den sehr umfangreichen Jugendentwicklungsplan vor. Eine erste Überraschung: Als Jugendliche gelten in China Menschen zwischen 14 und 35 Jahren. Viele Aspekte des Plans wie Soziale Sicherheit, Bildung und Erziehung oder Jugendschutz spielen natürlich auch in Deutschland eine wichtige Rolle, Punkte wie Ehe und Partnerschaft sowie die Moralische Bildung haben bei mir und den anderen deutschen Fachkräften jedoch eher Erstaunen hervorgerufen. Deutlich wurde, dass die Entwicklung der chinesischen Jugend hauptsächlich Aufgabe der Kommunistischen Partei ist und sich auch an deren Bedarfen orientiert.

Visitenkartentausch beim Bankett 

Es folgte der nächste Programmpunkt: das Bankett mit dem Vize General und der Sekretärin vom Allchinesischen Jugendverband. Hier tauschten wir mit den Anwesenden unsere Visitenkarten aus, eine wichtige Zeremonie, auf die alle bereits hin fieberten, schließlich wurden unsere Visitenkarten extra ins Chinesische übersetzt. Das Essen war – wie auch in der restlichen Woche – ausgezeichnet und ich fand es spannend zu erleben, wie viele der Dinge, die wir im Vorbereitungsseminar zu den Themen Tisch- und Esskultur sowie Hierarchien gelernt hatten, tatsächlich der Realität entsprachen. So ist es in China normal, beim Essen laut zu schmatzen und zu schlürfen, denn das zeigt, dass das Essen schmeckt. Auch sollte stets ein sogenannter Anstandshappen auf dem Teller bleiben, sonst wird sofort nachgereicht, was einem bei vollem Magen durchaus zum Verhängnis werden kann. Der Austausch während dem Essen hat mir sehr gefallen, da viele Fragen an mich, als Jugendbildungsreferentin der djo – Deutsche Jugend in Europa Landesverband Sachsen-Anhalt und Vorstandsmitglied im Kinder- und Jugendring Sachsen-Anhalt e.V., gerichtet wurden und die Anwesenden sich sehr für das Thema Arbeit mit Migrant*innen in (Ost-)Deutschland interessierten. 

Die Besichtigung der Verbotenen Stadt in Peking am nächsten Tag war beeindruckend, wie eigentlich alles auf der Reise. Gigantische Gebäude auf einer riesigen Fläche mit tausenden von Besucher*innen. Anschließend ging es mit dem Zug nach Taiyuan. Ich konnte es nicht erwarten, ein wenig von der Umgebung der Millionenstädte Peking und Taiyuan zu sehen. Wir bekamen unterschiedliche landschaftliche Gegenden zu sehen, aber auch noch mehr Städte. Ich habe mich ganz oft wie in einem Science-Fiction-Film gefühlt, weil ich einfach nicht glauben konnte, was ich sah. Ich hing also mehr oder weniger die ganze Zeit mit platt gedrückter Nase und meinem Handy an der Fensterscheibe und machte Fotos. 

Besuch beim Shanxi Jugendverband

Nach etwas über 500 km Fahrt in nur knapp 2 ½ Stunden kamen wir am Bahnhof in Taiyuan, wo wir bereits von Vertreter*innen des Shanxi Jugendverband erwartet wurden, an. Zu jeder Zeit und an jedem Ort wurden wir von unseren Gastgeber*innen sehr herzlich empfangen und zuvorkommend behandelt. Es wurden keine Kosten und Mühen gescheut. Hier bewahrheiteten sich die im Vorbereitungsseminar erlernten Werte und Normen, wie Höflichkeit und Gastfreundschaft, die einen enormen Stellenwert haben, denn das Schlimmste, was einem*r Chinesen*in passieren kann, ist es, sein*ihr Gesicht zu verlieren. Nach dem Check-In im Hotel ging es dann zum nächsten Bankett mit dem Shanxi Jugendverband. Wieder ein fantastisches Essen mit interessanten Gesprächen wohingegen ich hier das erste Mal das Gefühl hatte, dass bestimmt Themen, wie z.B. der Klimawandel und die globale Schüler*innenbewegung „Friday for Futures“ eher außen vor blieben. Die Parteinähe war doch sehr zu spüren. 

Dass Armutsbekämpfung ein Schwerpunktthema in China ist und Bildung dort als der Schlüssel zu Wohlstand und einem stabilen Leben gesehen wird, spiegelte sich in allen Stationen des Fachprogramms wider. Der Großteil der Jugendarbeit beschäftigt sich damit, Kinder zu guten Arbeiter*innen zu formen und junge Menschen durch Fördermöglichkeiten in Arbeit zu bringen. Hier unterscheidet sich der Auftrag, den die Jugendhilfe und insbesondere die außerschulische Kinder- und Jugendarbeit in Deutschland hat, dann doch sehr. 

Der Fachbesuch des von der Regierung ausgestatteten Gemeindezentrum in der chinesischen Provinz Shanxi war eins meiner Highlights, da die Arbeit dort mit den zahlreichen Angeboten am ehesten dem entspricht, was ich bezüglich Kinder- und Jugendarbeit kenne und schätze. Das Zentrum verfügte über eine kleine Bibliothek, Lern- und Leseplätze, einen Kinosaal, generationenübergreifende Sport- und Spielräume und Tagungsmöglichkeiten für die 16 lokalen Jugend-Parteigruppen der Gemeinde. Eltern und Schüler*innen können günstige Nachhilfeangebote in Anspruch nehmen, Studierende können sich als Freiwillige engagieren. Über Tanz- und Kalligrafiekurse sowie Kochwettbewerbe wird chinesisches Kulturgut generationenübergreifend vermittelt. Nichtsdestotrotz blieb ein etwas fader Beigeschmack, denn dass es sich bei dem Zentrum um eine von der Kommunistischen Partei geförderte Einrichtung handelt, war unübersehbar. So werden dort auch regelmäßigen Speed-Dating-Events, bei dem sich junge Männer* und Frauen* kennenlernen können, ausgetragen. Die Vorstellung, dass Partner*innenfindung staatlich organisiert und bezuschusst wird, war schon sehr befremdlich. 

Grundschule und Internat im Kreis Yangqu

Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Bus zum Fachbesuch Grundschule und Internat im Kreis Yangqu, deren Schüler*innenschaft seit 2017 etwa zur Hälfte aus Schüler*innen besteht, die aus armen und zum Teil prekären Verhältnissen stammen. Sie erhalten hier kostenlosen Zugang zum Bildungssystem und somit die Aussicht auf den in China so wichtigen Bildungsaufstieg. Auch für einige Eltern schafft die Schule in begrenztem Umfang Beschäftigungsmöglichkeiten, z. B. als Betreuer*innen im Internat. Die Schule gilt als Vorzeigeprojekt für die Umsetzung des Jugendplans der Regierung. Sie ist auch ein Beispiel dafür, wie ländliche Regionen in ihrer Entwicklung gefördert werden sollen. Für mich war der Besuch das zweite Highlight der Reise, da wir hier mit einigen Schülerinnen direkt ins Gespräch kamen. 

Am letzten Tag ging es zurück nach Peking. Wir besuchten das Chinesische Forschungszentrum der Kind- und Jugendarbeit, wo uns Statistiken und Analysen der Jugendentwicklung Chinas dargestellt wurden – ein sehr offener und aufschlussreicher Besuch, der ein paar verbliebende Fragezeichen auflösen könnte, aber dafür auch wieder andere aufmachte. Insbesondere wurde hier noch einmal deutlich, dass durchaus viel über Erfolge und Fortschritte berichtet wird, Hindernisse oder Probleme jedoch nur selten zur Sprache kommen. Wovon leider ebenfalls nicht berichtet wurde, waren Programme für Kinder und Jugendliche mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen, also wie es um Inklusion in China steht oder wie andere Themen wie Gender, Diskriminierung, Gewalt, Drogen usw. besprochen oder behandelt werden. 

Mein Fazit

Grundlegend ist mein Fazit die Erkenntnis, dass non-formale, außerschulische Bildung in China kein bestimmendes Element ist. Bildung bedeutet vor allem schulischer Wissenserwerb sowie kulturelle und ideologische Bildung gemäß den gesellschaftlichen Standards. Anerkennung und Wohlstand scheinen für die Mehrzahl der Menschen in China die wichtigsten Ziele im Leben zu sein. Diese werden wiederum durch Bildung erreicht. Somit dreht sich der Alltag der Kinder und Jugendlichen ganzheitlich um Schule und Lernen und es bleibt nur wenig bis keine Zeit für Freizeit. Die besuchten Einrichtungen sind daher nur schwer mit der Kinder- und Jugendhilfe oder gar Benachteiligtenförderung nach deutschem Verständnis in Einklang zu bringen. Nichtsdestotrotz stellen sie in China einen wichtigen Grundpfeiler der dortigen Jugendarbeit dar.

Ich möchte mich noch einmal bei allen Mitwirkenden vom IJAB e.V. und den Gastgeber*innen in China bedanken für die tolle Erfahrung, die mich noch lange in meiner Arbeit und auch im Privaten begleiten wird.

Tanja Rußack
Geschäftsführende Jugendbildungsreferentin
djo – Deutsche Jugend in Europa, Landesverband Sachsen-Anhalt e.V. 

 © Bilder: Tanja Rußack