Historische Bildung in der Internationalen Jugendarbeit

Ein Interview mit Janna Keberlein

 

Welche Arbeitsschwerpunkte hast zu im Bereich Internationalen Jugendaustausch? 

Jugendaustausche mache ich seit 2007. Am Anfang habe ich vor allem etwas zur Theaterpädagogik, zum Theater und zum Film gemacht. Bei verschiedenen Jugendbegegnungen und Fachkräfteaustauschen haben meine Kolleg_innen und ich uns dann viel darüber unterhalten, was und wie man eigentlich Medien – beispielsweise Filme – rezipiert. Wie verstehe ich und wie verstehen andere Teilnehmende den Film? In den anschließenden Diskussionen haben wir dann festgestellt, dass jede Person etwas Anderes für sich rausgenommen hat. 
Ich habe Geschichte studiert und mein Wunsch war es immer, auch etwas in diesem Bereich zu machen. So bin ich über den Umweg – das Feststellen der unterschiedlichen Wahrnehmungen einzelner historischer Ereignisse – vor ungefähr 4 Jahren zurück zu historischen Themen gekommen. Gerade im deutsch-russischen und deutsch-ukrainischen Austausch werden die Inhalte der Austausche nicht so stark vorgegeben, da hat man wirklich seine Freiheiten. Ich hatte also die Möglichkeit, mich auszuprobieren. 
Bei einem Fachkräfteaustausch mit ukrainischen Kolleg_innen habe ich mich umgehört und vernommen, dass der Zweite Weltkrieg historisch besonders spannend ist, da er auch in dem heutigen Konflikt eine große Rolle spielt. Gemeinsam haben wir daraufhin seit 2016 Fachkräfteaustausche und einige Jugendbegegnungen organisiert, die sich mit den Narrativen des Zweiten Weltkriegs in Deutschland und der Ukraine beschäftigen. 
 

Wie lange machst du diese Arbeit bereits und wie hast du dein Profil im Laufe der Jahre geschärft? 

Ich habe diverse Fortbildungen zu den Themen Antragsschreiben, Abrechnung, Evaluation, Projektmanagement und Gruppendynamik besucht. Außerdem habe ich an Seminaren zu Theaterpädagogik und Geschichte teilgenommen. Spannend sind zudem immer auch die Zentralkonferenzen von Tandem und der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch (SDRJA) sowie die Veranstaltungen von den Koordinierungsbüros. 
Freiberuflich habe ich eine Zeit lang als Antidiskriminierungstrainerin gearbeitet, wo ich mich im Laufe der Jahre weiterhin zu den Themen Prävention von Antisemitismus, zu Planung, Konzeption und Durchführung von Workshops profiliert habe. All das fließt immer auch in meine Arbeit mit jungen Erwachsenen und Fachkräften ein. 
 

Welche Austauschformate setzt du im Bereich Erinnerungskulturen/historische Bildung in der Internationalen Jugendarbeit um?

Ich organisiere vor allem Fachkräfteprogramme und Jugendbegegnungen zwischen Deutschland und der Ukraine. Unser Programm sieht meistens so aus, dass wir uns Ausstellungen und Museen anschauen und darüber kritisch diskutieren. Es ist stets eine Mischung aus gruppendynamischen Spielen und thematischen Inputs sowie Besuchen von Museen und historischen Stadtrundgängen. Wichtig ist, dass die Teilnehmenden in den Austauschen immer die Möglichkeit haben, ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Alle Besuche und Diskussionen müssen zudem von uns Teamer_innen in den Kontext des jeweiligen Austauschs gesetzt werden. Ich benutze dabei Methoden, die ich in meiner Ausbildung gelernt habe. Empfehlen kann ich zudem das Handbuch aus dem deutsch-französischen Jugendaustausch mit dem Titel „Geschichte und Erinnerung in internationalen Jugendbegegnungen“ speziell zu dem Thema. 
 

Worin siehst du die Wichtigkeit der Themen Erinnerungskultur und Geschichte im Internationalen Jugendaustausch? 

Ich stelle fest, dass Erinnerungskultur sehr lebendig ist. Sie unterliegt einem ständigen Wandel, auch wenn es natürlich immer einen groben Rahmen im Narrativ der nationalen Erinnerung gibt. Jede_r hat somit die Möglichkeit, die Erinnerungskultur mitzugestalten und mit dem eigenen Handeln zu beeinflussen. 
In internationalen Jugendbegegnungen treffen Jugendliche und auch Fachkräfte aufeinander und stellen erst einmal fest, dass es diese Unterschiede überhaupt gibt und worin diese liegen. Natürlich identifizieren sie recht schnell auch Gemeinsamkeiten und es geht immer auch darum, wie man Unterschiede möglicherweise auch überbrücken kann. Diese Diskussionen regen das kritische Hinterfragen an. Zwar entstehen meist sehr hitzige Diskussionen und oft führt es auch zu Streit, da sind wir als Teamer_innen natürlich gefragt. Genau das macht es auch spannend, weil die Leute miteinander reden und oft etwas Neues für sich entdecken. Man erlebt immer wieder so Aha-Effekte. Warum passiert es, dass wir Geschichte, Dokumente und Erlebnisse unterschiedlich deuten? So lernt man unablässig etwas über den Alltag des Kooperationspartners kennen. In den Feedbacks wurde oft geäußert, dass es das wertvollste bei den Begegnungen ist, dass man miteinander spricht und in den Austausch kommt. 
 

Hast du ein Best-Practice-Beispiel für uns? Gibt es ein Format, das besonders gut geklappt hat und warum? 

Jede Gruppe ist ja ganz anders durch die jeweilige Zusammensetzung, daher fällt es mir schwer, ein konkretes Beispiel zu nennen. Es ist hilfreich, vorher zu wissen, wer kommt, obwohl es den Teilnehmenden oft schwerfällt, die eigenen Interessen und Themen im Vorfeld zu beschreiben. Daher ist es umso wichtiger, gleich am Anfang der Begegnung eine Atmosphäre z.B. durch Spiele zu schaffen, in der die Teilnehmenden sich trauen, von sich zu erzählen und ihre Geschichten zu teilen. Wir als Teamer_innen müssen dafür einen geschützten Raum schaffen. Diesen sollte es, so denke ich, in jeder internationalen Jugendbegegnung geben. 
Best-Practice bedeutet für mich, dass man sich gründliche Gedanken über das Programm macht. Es sollte keine wilde Aneinanderreihung von einzelnen Programmpunkten sein. Vielmehr müssen die Methoden und Spiele wohl gewählt und zeitlich sinnvoll gesetzt werden. Gerade im Bereich „Historische Bildungsarbeit im Jugendaustausch“ empfehle ich die stetige Vor- und Nachbereitung von Gesprächen und Besuchen innerhalb der Gruppe. Man sollte die Teilnehmenden mit den Erfahrungen nicht alleine lassen und mit ihnen über das Erlebte reden, so regt man auch das kritische Hinterfragen an. Ich empfehle daher, bei jeder Jugendbegegnung am Abend kleine Feedbackrunden einzuführen, auch wenn es nur 15 Minuten sind. Das gibt der Gruppe das Gefühl zusammenzuwachsen. Diese Phasen sollten schon bei der Planung mitgedacht werden, denn man merkt wirklich die Auswirkung dieser Phasen auf die Gruppendynamik. 
 

Wann war ein Internationaler Austausch für dich gelungen? 

Das Harmoniebedürfnis ist für mich nicht ausschlaggebend. Wichtig ist mir, wenn die Teilnehmenden am Ende sagen: Ich nehme vieles mit, es waren tolle Gespräche und ich habe spannende Leute kennengelernt.  
 

Das Interview ist unserer Verbandszeitschrift PFEIL entnommen. Den gesamten PFEIL findet ihr hier.