Jugendarbeit auf über 1000 Metern Höhe

Ein Bericht von Hicham Rhannam über seine Hospitationserfahrung in Kayseri, Türkei im Herbst 2018

Wenn man von Jugendarbeit spricht, gibt es nicht „die eine Jugendarbeit“. Jugendarbeit ist facettenreich, partizipativ und wirkungsstark. Aber unter anderem auch abhängig von Faktoren wie landestypischen Sitten und Bräuchen. Gerade von dieser Vielfalt lebt die internationale Jugendarbeit und der rege Austausch über Landesgrenzen hinaus.

Aus diesem Grund war ich sehr gespannt, was mich in den drei Wochen meiner Hospitation an der Abdullah-Gül-Universität in Kayseri erwarten wird und welches Bild der türkischen Jugendarbeit sich mir vor Ort präsentieren wird. 

Erst die Umgebung kennenlernen

Noch bevor meine Hospitation offiziell anfing, nutzte ich die Zeit am Wochenende, um die zentralanatolische Stadt Kayseri kennenzulernen und so mit meiner neuen Umgebung etwas vertrauter zu werden. Dazu gehörte das Stadtzentrum, dass zugleich auch zwei wichtige Sehenswürdigkeiten der Stadt beherbergt. Zum einen die Zentralmoschee von Kayseri, die man aufgrund ihrer Kuppel und den beiden hohen Minaretten schon von Weitem sehen konnte und zum anderen die Hunat-Moschee, eine Moschee aus dem 13. Jahrhundert, welche die damalige türkische Sakralbauweise aus Stein repräsentiert. Das besondere an der Aussicht vom Stadtzentrum, dem sogenannten “Meydan“, ist zudem, dass sich unmittelbar hinter der Stadt der Berg Erciyes erstreckt. Aufgrund seiner Größe wirkt es fast schon so, als ob der Berg die Stadt beschützt und über sie wacht.

Am Sonntag in der Frühe, noch vor Sonnenaufgang, zog es mich nach Kappadokien, einer Region, die für ihre kegelförmigen Gesteinsformationen und nicht zuletzt für die unzähligen romantischen Bilder, mit den Heißluftballons im Hintergrund, weltweit bekannt ist. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, die Heißluftballons bei Sonnenaufgang aufsteigen zu sehen. Ein Frühstück im Freien mit diesem Ausblick ließ es zu einem unvergesslichen Moment werden! 

AGU Youth Factory

AGU Youth Factory ist ein nicht-formales Bildungs- und Ressourcenzentrum an der Abdullah Gül Universität, das sich vor allem für die soziale und persönliche Entwicklung der Fachkräfte der Jugendarbeit und der Jugendlichen einsetzt und jährlich mehrere Projekte im Rahmen des EU-Programms „Erasmus+" durchführt. Meine Hospitation dort begann mit der Vorbereitung auf die Orientierungswoche für Studierende – sowohl für einheimische, als auch für internationale. Zuerst beschäftigte ich mich mit diversen Programmen der Bildbearbeitung und Erstellung von Postern, da ich Flyer zur Orientierungswoche entwerfen sollte. Nach den ersten Hospitationstagen hatte ich auch direkten Kontakt mit Student_innen. Während für die Einheimischen generell ein neuer Lebensabschnitt mit dem Studium begann, war es für die internationalen Student_innen mehr als nur ein neuer Lebensabschnitt, nämlich einer, der in einem fremden Land mit unheimlich viel Bürokratie startet, bei der zusätzliche Unterstützung notwendig war. 

Darüber hinaus bestand meine Aufgabe darin, die Social Media Accounts der Youth Factory kennenzulernen und zu verstehen, wie die Netzwerke von der Youth Factory eingesetzt werden, da ich während meiner Zeit als Hospitant zu wichtigen Anlässen und Terminen über die Netzwerke Beiträge erstellt und geteilt habe, um somit unter den Student_innen die Informationen besser zu verbreiten. 

Bereits in der ersten Woche verstand ich, dass die Abdullah-Gül-Universität, die im Übrigen nach dem ehemaligen türkischen Staatspräsidenten benannt wurde, auf Innovationen setzt. Sie versteht sich schon jetzt als eine der führenden und innovativsten Universitäten innerhalb der Türkei und ist stets dem Fortschritt zugewandt. Dies spiegelt sich auch in den Bewerberzahlen und der davon hohen Anzahl an internationalen Student_innen wider.

In der zweiten Woche fand die Orientierungswoche statt, in der sich die neuen Student_innen bei gemeinsamen Mahlzeiten und Kennenlernspielen kennenlernen konnten. Besonders interessant waren für mich dabei die Einblicke in beide Gruppen. Die Youth Factory hat nicht nur Kennenlernspiele organisiert, sondern auch Informationsveranstaltungen zu den bestehenden Möglichkeiten von Auslandsaufenthalten während des Studiums geboten. Das zeigt auch wie sehr die AGU an einem internationalen Austausch interessiert ist und für wie wichtig sie die interkulturelle Kompetenz ihrer Absolvent_innen hält, weshalb das International Office auch für die Student_innen eine besondere Rolle spielt.

In meiner letzten Woche stand ein großes Ereignis bevor: AGU Talks. AGU Talks ist ein Format der Universität, welche in regelmäßigen Abständen Menschen einlädt, die einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht haben und in den verschiedensten Bereichen große Werke geleistet haben. 

Abgesehen von meiner Zeit an der Youth Factory, die ich meistens in „meinem Büro“ verbracht habe, bin ich an den Abenden oft mit anderen internationalen Student_innen unterwegs gewesen:  vom Bazar, über moderne Einkaufszentren mit allen namenhaften Geschäften und Schnellrestaurants, wie man sie mittlerweile aus jeder Großstadt kennt, bis hin zu den verschiedensten Restaurants ist alles dabei gewesen.

Und wieder Natur!

Auch zum Ende meiner Hospitation fanden zwei schöne Ausflüge statt, die das International Office für die internationalen Student_innen organisiert hat. Zuerst ging es an den Ort, den ich zuvor bereits unzählige Male aufgrund des Ausblicks bestaunt hatte: der Berg Erciyes. Am Ziel angekommen fuhren wir zunächst die erste Partie mit der Gondel hoch und stiegen im Anschluss noch weiter hinauf, bis wir die 3000 Höhenmeter erreicht hatten. Es machte sich nicht nur der starke Temperaturunterschied bemerkbar, sondern auch eine klare, aber stets dünner werdende Luft. Zurückblickend war dies für mich persönlich mit eines der eindrucksvollsten Erlebnisse in der Türkei. Am nächsten Tag stand das Freilichtmuseum Göreme in Kappadokien auf der Tagesordnung, wo noch einige Kapellen und Höhlenmalereien zwischen den unzähligen Tuffsteinformationen gut erhalten sind. 

Nach drei Wochen Hospitation in der Türkei, gefüllt mit den verschiedensten Eindrücken, neuen Möglichkeiten international zu agieren und auch neuen Freundschaften, bin ich mir sicher, dass es für mich zwar das erste, aber nicht das letzte Mal in die Stadt auf über 1000 Metern Höhe ging. Was nehme ich „Neues“ mit nach Hause? Definitiv mehr Geduld zu haben und nicht alles direkt in der nächsten Sekunde lösen zu wollen. Ebenso, dass es wichtig ist, egal wo man sich gerade befindet, immer man selbst zu sein. 

Görüşmek üzere! 

 

Hicham Rhannam                                                                                                                                                                                  
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