One Week for Future

17.11.20

 

Die deutsch-tschechischen Programmwochen des djo-Bundesverbands zum Thema Nachhaltigkeit

Selten hatten wir bei den deutsch-tschechischen Programmwochen so lebendige Diskussionen und so emotionale Beiträge wie in diesem Jahr zum Thema Nachhaltigkeit.

Von Widerstand zu Nachhaltigkeit...

In den letzten Jahren stellten wir jeweils herausragende Persönlichkeiten und mit ihnen verknüpfte Themen in den Fokus der deutsch-tschechischen Programmwochen. 2019 ging es beispielsweise um Jan Palach und Rosa Luxemburg und das Thema „Widerstand“. Dabei wurde schnell klar, dass die Jugendlichen unter anderem ein Thema besonders mit Widerstand assoziierten und hier eine direkte Verbindung zu ihrem aktuellen Leben sahen: Nachhaltigkeit. Denn zu den Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz waren die meisten der teilnehmenden Jugendlichen – oftmals zum ersten Mal in ihrem Leben – politisch aktiv geworden und hatten ihre Forderungen auf die Straße getragen. Spannenderweise ergab sich somit aus der Erfahrung und den Diskussionen der Programmwochen 2019 das Thema für dieses Jahr sowie auch für die Programmwochen 2021. Wir verabschiedeten uns also von der Reihe der historischen Figuren und wagten uns an eins der brisantesten Themen dieser Zeit, Nachhaltigkeit, mit dem viele schmerzhafte ökologische, politische und wirtschaftliche Fragen verbunden sind. 

Von Fakten zum Fühlen...

Wir überlegten, wie wir das Thema Nachhaltigkeit vermitteln können, ohne, dass es moralisierend wird und ohne, dass die Teilnehmenden dabei in eine lähmende Überforderung kommen. Dies war unsere Idee: wir gestalten den Seminarraum so, dass die Jugendlichen beim Hineinkommen zuerst Visualisierungen von Fakten zum Thema sehen – Fakten, die erschrecken, die wir uns vielleicht wegwünschen und die wir manchmal verdrängen. Einige davon: "Würden alle Menschen so leben wie der/die Durchschnittsdeutsche, bräuchten wir mehr als drei Erden", „Bedeutende globale Elektronikhersteller […] können nicht garantieren, dass in ihren Produkten kein Kobalt aus Kinderarbeit genutzt wird.“, „Bis zu 130 Pflanzen- und Tierarten sterben täglich“, „Das reichste Prozent der Weltbevölkerung besitzt mehr als die restlichen 99%“

 

Diese Fakten können schnell erdrückend wirken und Fragen von eigener Schuld generieren. Dies könnte mitunter zur Überforderung und zur Lähmung führen. Die Auseinandersetzung kann aber auch dazu führen, dass Emotionen wachgerufen werden – und über dieses Fühlen können wir ins Handeln kommen. Ebendies ist unsere Hoffnung und unser Versuch. In der Programmwoche möchten wir die Jugendlichen und uns ermutigen, zu schauen, inwiefern wir zu einem Wandel beitragen können. Wir versuchen also diese Fakten nach und nach mit positiven Vorhaben zu überhängen. 

Vom Denken ins Handeln...

In Prag (dieser Programmpunkt musste bei den Programmwochen im Oktober 2020 aufgrund von Corona ausfallen) treffen wir beispielsweise Mitbegründer_innen der Fridays for Future-Bewegung Tschechien und diskutieren mit Politiker_innen. In Dresden beschäftigen sich die Jugendlichen während einer Stadtrallye mit dem Produktionsweg von Handys, mit Müllentstehung und der „Wegwerfgesellschaft“ sowie mit der Herstellung von Kleidung. Dabei besuchen sie vor Ort verschiedene Initiativen und Läden, die Wege nachhaltigen Wirtschaftens praktisch beschreiten.


Zwischen den Ausflugtagen nach Prag und Dresden findet der "Projekttag" statt, der wie ein Barcamp organisiert ist – jede_r der/die mag, bietet einen thematischen Workshop an. Beim letzten Mal entstanden folgende Workshops: Portemonnaies aus Tetrapacks basteln, eine Infotheke, in der sich alle ihren ökologischen Fußabdruck berechnen lassen können, Ohrringe aus Plastikmüll basteln, vegan kochen. Am Nachmittag des Barcamps finden sich die Jugendlichen in binationalen Teams zusammen und brainstormen dazu, wie verschiedene Bereiche ihres Schulalltags nachhaltiger organisiert werden könnten. 

 

Bei den Programmwochen in diesem Jahr entstanden so schöne, kreative Ideen, so lebendige Diskussionen wie noch nie zuvor und wir glauben, dass die Schüler_innen tatsächlich sehr motiviert aus den letzten Programmwochen gegangen sind. Um zu überprüfen, wie nachhaltig unsere Wochen zum Thema "Nachhaltigkeit" sind, ist geplant, dass unser Referent_innenteam die teilnehmenden Jugendlichen circa zwei Monate nach den Programmwochen dazu befragt, ob bzw. inwiefern sich ihr (Schul-)Leben seitdem verändert hat und welche Ideen für mehr Nachhaltigkeit sie umsetzen konnten.

Theres du Vinage
Referentin für Kulturelle Jugendbildung
djo – Deutsche Jugend in Europa, Bundesverband e.V.

 

Die Europäische Freiwillige Zuzana Bartošková hat das djo-Leitungsteam während der Programmwoche im Oktober unterstützt. Aufgrund von Corona konnte diese leider nur mit Teilnehmenden aus Deutschland stattfinden. Zuzana berichtet:

Diese Woche hat mir wahnsinnig gut gefallen und ich habe einerseits sehr viel über die djo – Deutsche Jugend in Europa und organisatorische Abläufe gelernt. Andererseits habe ich sehr viel Neues über das Thema Nachhaltigkeit erfahren.

Bei der Einstiegsdiskussion zum Thema Nachhaltigkeit stellte sich schnell heraus, dass es tatsächlich gar nicht so einfach ist, den Begriff zu definieren, weil er ja viel mehr meint als reinen Umweltschutz. Wir haben dennoch zunächst viel über Ökologie gesprochen und darüber, was jede_r tun kann, um nachhaltiger zu Leben. Wir haben aber auch über die globalen Zusammenhänge gesprochen und gemerkt wie vielschichtig und schwierig das Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz ist. Oft fragten wir uns, wo wir anfangen können, etwas zu verändern. Ich fand sehr schön, dass die Jugendlichen konkrete Forderungen an Politiker_innen auf Postkarten geschrieben haben, beispielsweise: Fleisch sollte teurer sein, der öffentliche Nahverkehr sollte billiger oder gratis sein und es sollte eine „Reichensteuer“ geben, um wenigstens etwas Ausgleich zu schaffen. 

Jeder Tag begann mit Energizern und einer tschechischen Sprachanimation. Daneben gab es viele erlebnispädagogische Formate. Ich habe es sehr genossen in der Natur zu sein und viel über mich als Person und als Teil der Gruppe lernen zu können. Da der geplante Prag-Tag aufgrund der Corona-Situation ausfallen musste, haben wir die nahegelegene Sächsische Schweiz besucht – das war wunderschön! Ich dachte, dass es ein bisschen aussieht wie in Avatar… Am letzten Abend haben wir am Lagerfeuer zusammengesessen, Stockbrot gegessen und bis in die Nacht darüber diskutiert, ob unsere Welt noch zu retten sei. 


Zum Abschluss der Programmwochen haben wir gemeinsam einen Baum gepflanzt und die Wurzeln mit Erde und unseren Wünschen überhäuft. Es war ein Kirschbaum. Wir beschlossen, dass wir uns in 20 Jahren wiedersehen, die Kirschen zusammen essen und hoffentlich in einer Welt stehen werden, die etwas lebenswerter geworden ist.

 

 

Ich danke meinem Team, dem Referenten Harald Schäfer und natürlich den tollen Jugendlichen für diese inspirierende Woche!