Seit dreißig Jahren ein wundervolles Fleckchen Heimat

Gaisthal feiert Geschichte!

 

Am ersten Oktoberwochenende feierte die SdJ – Jugend für Mitteleuropa e.V. und der Sudetendeutsche Förderverein Zeltlagerplatz Gaisthal e.V. das dreißigjährige Jubiläum des neuen Zeltlagerplatzes in Gaisthal im Oberpfälzer Wald. Im Jahr 1989 wurde der schönste Zeltplatz Deutschlands nach jahrelangem bürokratischem Gezerre und durch unermüdlichen Einsatz zahlreicher Helfer_innen und Gönner_innen unter Schirmherrschaft des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel feierlich eingeweiht. Dies geschah zu jener Zeit, als der große Umbruch in Mittel- und Osteuropa, der Fall der Mauer und die Samtene Revolution in der damaligen Tschechoslowakei stattfand. Es gab also Anlässe genug, um drei Dekaden deutsch-tschechische Begegnung und Freundschaft ausgiebig Revue passieren zu lassen. Gemeinsam mit ihren Partnerverbänden Sojka – spolek mladých und Mit ohne Grenzen e.V., die seit nun mehreren Jahren die Zeltlager in Gaisthal umsetzen, lud die SdJ und der Förderverein Gaisthal zahlreiche bedeutsame Persönlichkeiten ein, um gemeinsam dieses Jubiläum zu feiern.
 
Wie sehr der Zeltlagerplatz dort mittlerweile heimisch ist, wurde auch beginnend durch das Grußwort des dritten Bürgermeisters der Stadt Schönsee, Josef Höcherl, erkennbar. Er betonte, wie sehr die Einheimischen das Zeltlager zu schätzen gelernt haben und dass das Leben vor allem in den Sommermonaten in dem kleinen Ort pulsiert. Eben genau dann, wenn der Ort Gaisthal durch das Lager jünger und lauter wird. Leider hat der Hof des dritten Bürgermeisters unlängst die Milchwirtschaft aufgegeben. Schließlich versorgte er über lange Zeit täglich das Zeltlager mit frischer Milch. Auch das ist eine große Stärke des Lagers und seiner Küche: Die Speisen werden stets mit besten Zutaten direkt aus der Region zubereitet. 
 

Das Örtchens Gaisthal als Geburtsort der Sudetendeutschen Jugend

 

Die Bedeutung des kleinen Örtchens Gaisthal für die SdJ kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn lange bevor dort der Zeltlagerplatz errichtet wurde, diente Dorf bereits als Geburtsort der Sudetendeutschen Jugend. Kaum in der neuen Heimat angekommen, gründeten sich erste Gruppen von heimatvertriebenen jungen Sudetendeutschen. Sie gaben sich eine eigene Struktur und wollten bewusst nicht als junge Landsmannschaft, sondern als SdJ auftreten. Wie es der Zufall wollte, verschlug es einen jungen Sudetendeutschen namens Erich Kukuk nach der Vertreibung in diese Gegend, wo er dann zeitweise in der Landwirtschaft arbeitete. Durch seine Kontaktfreude und seine als sehr leutselig beschriebene Art, gelang es ihm dort schnell Fuß zu fassen und direkt am Bach Ascher am Gasthof Gaisthaler Hammer eine Wiese für das erste Zeltlager im Jahr 1950 zu organisieren. Auch durch die Mithilfe der amerikanischen Truppen beim Transport konnten so die ersten Teilnehmenden in Gaisthal das Gefühl der Gemeinsamkeit und Solidarität erleben, welches auch 70 Jahre später noch den absoluten Markenkern darstellt. Erich Kukuk wurde der erste Lagerleiter. Und auch wenn er 1957 zum Heiligenhof wechselte, so war dies nie Konkurrenz, sondern ein weiterer Meilenstein in der sudetendeutschen Bildungs- und Begegnungskultur.
 
Über die Frühphase am alten Standort referierte Erik Waengler, der in den 1960er Jahren selbst jahrelang als Lagerleiter fungierte. Zur damaligen Zeit waren die Anlagen zeitgemäß einfach. Gekocht wurde über offenem Feuer, als Toilette diente ein Donnerbalken, gewaschen wurde im kalten Wasser der Ascher. Für die heutige Jugend kaum vorstellbar! Der Referent wurde tatkräftig bei seinen Anekdoten von seiner Frau Christa unterstützt, die selbst als eine der Pionierinnen der Gaisthaler Küche gelten kann. Denn wie Volksgruppensprecher Bernd Posselt bei seiner Festrede am Abend so treffend bemerkte, Heimat gehe schließlich auch immer durch den Magen. Eines hat sich in 70 Jahren nicht verändert, der Anspruch der Köchinnen und Köche, böhmische und mährische Leckereien auf den Teller zu bringen. Beispiele wie Svíčková und Serviettenknödel nach Omas Rezept sind hier keine Seltenheit. Die alte Wiese am Gaisthaler Hammer musste allerdings 1976 aufgegeben werden, da der Besitzer sein Sägewerk an dieser Stelle erweitern wollte. Glücklicherweise konnte auch eines am entgegengesetzten Ende des Dorfes zwischen Wald und altem Schulgebäude gefunden werden.
 

Umzug des Zeltlagers

 
Über das Mammutwerk der Realisierung des neuen Zeltlagerplatzes „Am Bad“ in den folgenden 13 Jahren berichtete Hans Knapek. Es gleicht einem Wunder, dass dies erreicht wurde. Denn die bürokratischen und finanziellen Hürden waren enorm. Hier zahlte sich die sprichwörtliche böhmische Sturheit und jahrzehntelanges sudetendeutsches – Vorsicht Anglizismus! – Networking aus. Rückschläge wurden nicht akzeptiert und immer wieder wurde alles in die Waagschale geworfen, um den Traum von Gaisthal nicht platzen zu lassen. Durch den unermüdlichen Einsatz und unglaublicher Geduld zahlreicher Aktiver seitens der SdJ und des Fördervereins konnten die 13 Jahre ohne Sommerlager überbrückt werden. Einerseits lief die Jugendarbeit der SdJ Niederbayern/Oberpfalz in den Nachbarbezirken am Heiligenhof und auf Burg Hohenberg weiter, andererseits fand man sich nie damit ab, dass dieser Gästestatus eine Dauerlösung sein konnte. Denn auch die Solidarität innerhalb der SdJ-Gruppen konnte vormals gelebt werden. So waren anfänglich eben unter anderem die Ober- und Unterfranken ebenfalls aktiv in Gaisthal, als diese noch keine eigenen Lagerplätze hatten. Das Grundstück wurde vom Bundesverband der Sudetendeutschen Landsmannschaft für den Preis von 30.000 DM erworben und ein Erbpachtvertrag mit dem neu gegründeten Sudetendeutschen Förderverein Zeltlager Gaisthal e.V. abgeschlossen. Als man aber von Seiten der Regierung der Oberpfalz mitgeteilt bekam, dass eine Baugenehmigung nie erteilt werden würde, so wandten sich Hans Knapek und Christa Waengler direkt an das bayerische Innenministerium, wohl wissend, dass der ewige Tropfen den Stein höhlt. Es wurden Spenden gesammelt und in unzähligen Arbeitsstunden vor Ort im Schweiße des Angesichts geschuftet. Mit bloßer Muskelkraft konnte das Grundstück selbstredend nicht terrassiert werden. Nach fast anderthalb Jahrzehnten der Mühen konnte im Sommer 1989 die neue Gaisthaler Heimat feierlich eröffnet werden. Zu diesem Anlass reiste viel Prominenz von nah und fern an, aber eben auch eine ungarndeutsche Jugend- und eine tschechische Kulturgruppe. Das ursprünglich sudetendeutsche Projekt war nun international geworden.
 
Bereits im zweiten Sommerlager auf dem neuen Platz im Jahr 1990 wurden erstmals tschechische Teilnehmende begrüßt. Seit da an gilt das Prinzip der Zweisprachigkeit bei den Jugendmaßnahmen in Gaisthal. Ganz einfach waren die Anfänge nicht, da die tschechischen Partner zu Beginn noch sehr die Prinzipien der Jugendarbeit nach kommunistischer Diktion gewohnt waren. Aber durch Mithilfe des Radiosenders „Free Europe“, der in seinem tschechisch-sprachigen Programm um Teilnehmer für das Zeltlager warb, gelang es in der Folge, junge Menschen nach Gaisthal zu locken. Diese spielten von nun an eine enorm wichtige und gleichgestellte Rolle. So konnte der durch Radio „Free Europe“ aufmerksam gewordene Leopold Černy sein erstes Lager miterleben, der mit Freund_innen und Verwandten 1996 den tschechischen Jugendverband Sojka – spolek mladých aus der Taufe hob. Die SdJ ist sehr stolz darauf, dass diese Gruppierung seit ihrer Gründung unser Partnerverband ist und dass neben den Verbandsstrukturen innige Freundschaften bestehen. Es erübrigt sich eigentlich an dieser Stelle anzumerken, dass die Gründung von Sojka natürlich am Zeltlagerplatz stattgefunden hat. Schließlich ist Gaisthal zumindest in weiten Teilen eben auch der Gründungsort der SdJ. Diverse Ehen und Partnerschaften – und zwar auch über die Landesgrenzen hinweg – fanden dort ihren Anfang. 
 

Gaisthal und der Zusammenbruch der Sowjetunion

 
Jede Generation der in Gaisthal Aktiven hat naturgemäß Ihre eigenen bedeutsamen Anekdoten. In unseren Köpfen blieb aber insbesondere Roberts Geschichte, Lagerleiter zwischen 1986 und 1995, als während des Zeltlagers zeitgleich die damalige Sowjetunion zusammenbrach. In diesem Kontext fuhr wohl an diesen Tagen ein amerikanischer Panzer direkt am Zeltlagerplatz vorbei, um sich auf einem benachbarten Waldweg zu postieren. Anscheinend wollten die Soldaten „nachsehen“ was hier im grenznahen Gebiet so vor sich ginge und was das deutsch-tschechische Zeltlager so treibe. Wie höchst erfreulich und nicht selbstverständlich, dass diese Zeiten vorbei sind. Dem Pioniergeist der Referent_innen an diesem Abend ist jedenfalls nie genug zu danken, dass wir dieses grenzüberschreitende Gaisthal durchführen können, wie wir es heute haben.
 
Nach so viel Geschichte war der Abend bereits hereingebrochen. Das Zeltlagerurgestein Bernhard Goldhammer berichtete über die Entwicklung in den 2000er Jahren und verwies mit Ausblick auf den Genuss einiger Zoten auf das spätere Lagerfeuer. Abschließend erläuterte der Vorsitzende des Sudetendeutschen Fördervereins Gaisthal e.V. Marcus Baier noch einige aktuelle Details über den Zeltlagerplatz, das Ewigkeitswerk seiner Pflege und die Faszination, die seit jeher von ihm ausgeht. Denn das was die Gründer erschaffen haben, benötigt ständig motivierte Aktive, die ihre Freizeit, ihr Geld und zuweilen ganze Jahresurlaube für Gaisthal investieren, damit dieses Stück Heimat so schön und liebenswert bleibt, wie es immer war.  
Heimat geht eben wie Liebe durch den Magen. Durch das Büfett gestärkt, ging es nun für die angereisten Gäste sämtlicher Gaisthal-Generationen in den Endspurt der Feierlichkeiten. Der Sprecher der sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, ließ es sich auch diesmal nicht nehmen, die Festrede zu halten. Auch er gehört zum Gaisthaler Inventar. Posselt erinnerte eindringlich an die Ereignisse des Revolutionsjahres 1989 und die Folgen für Europa und die Bürger_innen des Kontinents. Laut ihm verwundere es nicht, dass die Eröffnung des neuen Zeltlagerplatzes und das paneuropäische Picknick in solch einer zeitlichen Nähe stattfanden, schließlich entsprangen beide Ereignisse dem gleichen Geist. Die deutsch-tschechischen Begegnungen seien eine klare Gegenbewegung zu den immer wiederkehrenden Gespenstern der Vergangenheit, ein eindeutiges Bekenntnis gegen jede Form des Nationalismus, des Egoismus und des Populismus. Sie dienen dem altösterreichischen Prinzip der gegenseitigen Achtung, des Respektes und der Verständigung. Auch wenn die SdJ zu Unrecht unter den Jugendverbänden in den 1980er Jahren einer gewissen Rückwärtsgewandtheit bezichtigt worden war, so gelang es ihr eben durch ihr Engagement in Gaisthal in den 1990er Jahren, schnell als Fachverband der deutsch-tschechischen Jugendbegegnung über alle (Partei-)Grenzen hinweg anerkannt zu werden. Der Bundevorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft berichtete auch vom Projekt des Musicals „TISA – eine Liebe ohne Grenzen“, in dem das Schyren-Gymnasium in Pfaffenhofen an der Ilm in Zusammenarbeit mit dem Gymnasium im tschechischen Děčin mit über 140 Mitwirkenden ein wichtiges Stück deutsch-tschechischer Geschichte zweisprachig auf die Bühne brachte. Dass es solche Projekte gebe, dass immer mehr junge Menschen sich wieder für die Geschichte ihrer Familien interessieren und dass der Kontakt zu den tschechischen Nachbarn gesucht und aufgenommen wird, das sei auch eine Folge der Pionierleistung der SdJ, die in dieser Form ihren Ausgangspunkt in Gaisthal genommen hat. Heute sei dies alles, Gott sei Dank, selbstverständlich. Die Gaisthaler der neueren Generationen haben aber sofort die Chancen nach dem Fall des Eisernen Vorhang genutzt. Die Chancen, die sich die Gaisthaler der vorherigen Generationen stets so sehr erhofft hatten. 
 

Der Gaisthaler Freundschaftsbaum

 

Der Höhepunkt war dann schließlich das Aufstellen des Gaisthaler Freundschaftsbaumes. Unterhalb des Kranzes stehen die Logos der für Gaisthal so prägenden Organisationen: die SdJ – Jugend für Mitteleuropa, der Sudetendeutsche Förderverein Gaisthal, Sojka – spolek mladých, MOG – Mit ohne Grenzen und die djo – Deutsche Jugend in Europa. Flankiert werden diese durch die Jahreszahlen 1989 - 2019 und das zeitlose Motto unseres Zeltlagers „Die Zukunft sind wir!“. Doch damit war die Feier noch nicht vorbei. Wie immer gab es die Gaisthaler Partynacht, die unter der Vorhalle, am Lagerfeuer oder im Aufenthaltsraum noch lange fortgeführt wurde. Dies alles geschah unter dem Schirm der neuen Sehenswürdigkeit, unserem Freundschaftsbaum, der als perfektes Symbol dieses Ortes gelten kann: hochgewachsen durch gute Luft und bestem Essen. Tief verwurzelt wie die Freundschaft, die ihn entstehen ließ.
 
Peter Polierer und Mario Hierhager