Theaterarbeit und Kultur in St. Petersburg

Ein Erfahrungsbericht von Arwid Knippenberg über seine Hospitation in St. Petersburg, Russland vom Oktober 2017 – Januar 2018

Drei Monate konnte ich zwischen Oktober 2017 und  Januar 2018 im Kinder- und Jugendkulturpalast „Auf Lenskaja“ in St. Petersburg, Russland hospitieren. Eine lokale Theatergruppe des Kulturpalastes war mir bereits durch meine früheren Projektaktivitäten bekannt und das Hospitationsprogramm hat es mir ermöglicht, unsere Zusammenarbeit nun nachhaltig auszubauen. 

Die Hospitation war für beide Seiten ein großartiges Ereignis: In drei Monaten inszenierten wir zwei Theaterstücke (eins davon inszenierte ich alleine) und stellten zwei Festivals auf die Beine – eines davon war international, mit über 20 teilnehmenden Ländern. Zudem nahmen wir selbst noch an zwei spannenden Festivals in Stavropol und in Chelyabinsk teil.

Und jetzt der Reihe nach. Im Vorfeld lief die Kommunikation mit der Partnerorganisation bereits sehr gut. Ich wurde am Flughafen abgeholt und in eine 1-Zimmer-Wohnung gebracht, die ich für drei Monate bewohnen durfte – und mich erwartete bereits ein Mittagessen. Zusätzlich bekam ich eine Monatskarte. Am selben Abend wurde noch eine Willkommensfeier veranstaltet.

Bereits am nächsten Tag startete meine abwechslungsreiche Tätigkeit bei der Gruppe „Sintez“ des Kinder und Jugendpalastes. Fast 12 Wochen lang haben wir Theaterstücke geprobt. Dabei haben wir es geschafft, die jungen Teilnehmer_innen dazu zu bekommen sich selbst zu vertrauen. Meine Aufgabe dabei war es, neue Methoden im Bereich Textarbeit und Inszenierungsarbeit mitzubringen. Darüber hinaus wurde ich oft mitgenommen, sei es zu Theater-, Ballett- oder Opernbesuchen – in diesen 3 Monaten war ich so häufig im Theater wie sonst in einem Jahr! 

Als Begleiter war ich auch bei Festivalfahrten dabei. Wir haben zwei Festivals besucht, eins in Stavropol und das zweite in Chelyabinsk. Beim ersten war es ein Wettbewerb, bei dem unsere Truppe den „Grand Prix“, also den Hauptpreis holte. Ebenso wurden Preise in diversen anderen Kategorien gewonnen. In Chelyabinsk ging es eher ums Lernen und ums Besuchen von Meisterklassen von Maîtres der Theaterszene in Russland. 

Der Kunstpalast entsandte mich ebenfalls zu zwei Veranstaltungen in St. Petersburg. Zum Einen zum internationalen Kongress „Demidov Meetings“ und zum Anderen zu einem Festival, bei welchen ich einen Workshop geben konnte. Beim Kongress ging es um die Demidov-Methode und wie man diese in die tägliche Schauspielarbeit mit einarbeiten kann. Ich suchte natürlich gleich eine Verknüpfung zum Jugendtheater und entschloss die neu erworbenen Kenntnisse in meine Arbeit vor Ort mit einfließen zu lassen. Diese Entscheidung sollte sich „bezahlt machen“, denn ich habe dadurch nicht nur mein Stück schneller fertigstellen können, sondern es auch noch geschafft, daraus ein universelles Programm (universell im Sinne von mehr als nur Schauspiel) zu gestalten, auch für die Bereiche Selbstfindung und Persönlichkeitsentfaltung.

Ich persönlich bin begeistert von dieser Erfahrung und sehr dankbar, dass ich am Hospitationsprogramm teilnehmen durfte. Ich habe nicht nur drei Monate in meinem Geburtsland gearbeitet sondern auch das Land besser kennengelernt. Darüber hinaus führte meine Hospitation in St. Petersburg letztlich dazu, dass ich ein Jobangebot aus Moskau erhielt, welches ich annahm. Nun lebe und arbeite ich im Zentrum für soziale Kompetenzen und Leadership mit Jugendlichen der 9.-11. Klasse. Unser Team schult diese Schüler_innen in wichtigen Kompetenzen, bspw. im sozialen Bereich, in Führungsfragen und im Projektmanagement. Hier kann ich das von mir erstellte Programm mit einarbeiten. Es macht mir Spaß, mein Wissen der jungen Generation mit auf den Weg zu geben.

Insgesamt bin ich sehr froh, wie alles gelaufen ist, wobei ich anfangs ein weinendes und ein lachendes Auge hatte. Das traurige bezüglich Deutschland, denn ich lebte dort knapp 24 Jahre und bin erst im Herbst 2017 in den Vorstand von JunOst e.V., einer Mitgliederorganisation der djo-Deutsche Jugend in Europa, gewählt worden. Das lachende Auge jedoch ist froh, eine spannende Aufgabe in Angriff nehmen zu können und durch meine Arbeit das Leben von jungen Menschen zu verändern – und das im Land, in dem  ich geboren wurde. Aber Deutschland ist nicht weit weg, zu Besuch werde ich wohl das eine oder andere Mal noch vorbeikommen :)

Gruß aus Moskau!

Arwid Knippenberg
Hospitant, Deutsch-Russisches Hospitationsprogramm 
djo-Deutsche Jugend in Europa, Bundesverband e.V.