Über engagierte junge Roma und Sinti wird nicht berichtet

Vom 28.09. bis 01.10.2018 fand die diesjährige Bundesjugendkonferenz der Roma und Sinti in Berlin statt. Sie wurde von Amaro Drom e. V. und Amaro Foro e. V. organisiert und mit großer Unterstützung durch Terne Rroma Südniedersachsen e. V., die Roma-Jugend Initiative Northeim sowie Romano Sumnal e. V. aus Sachsen umgesetzt. Die Veranstaltung war auch dieses Jahr ein großer Erfolg. In den zweitägigen Workshops und dem teils öffentlichen Abendprogramm diskutierten die Teilnehmer*innen ihre Ziele und Visionen für eine solidarische Gesellschaft der Vielen und vernetzten sich, um dieser Vision gemeinsam näherzukommen.

Die zahlreich eingeladene Presse blieb der Veranstaltung fern.* Schon in den vergangenen Jahren tat sich die Presse schwer damit, der größten bundesweiten Veranstaltung junger Roma und Sinti (gegendert Rom*nja und Sinti*zze) einen Nachrichtenwert abzugewinnen. Wenn in einer Presseeinladung von Rom*nja und Sinti*zze in Deutschland Schlagworte wie „Betteln“, „Kriminalität“, „Obdachlosigkeit“, „Horrorhaus“ oder „Diskriminierung“ fehlen, scheint es kein Interesse zu geben, egal wie aktuell und politisch relevant die Inhalte der Veranstaltung sein mögen. Rom*nja und Sinti*zze sind für deutsche Medien vor allem dann interessant, wenn sie als passive Opfer präsentiert oder als kriminell dargestellt werden können. Wollen sie jedoch selbst zu Wort kommen, um ihre Geschichten und politischen Ziele in die Öffentlichkeit zu tragen, passen sie nicht mehr in die Schablonen, die ihnen die Medien offenbar zuweisen – und werden ignoriert.**

Schon bei der Bundesjugendkonferenz 2015 in Niedersachsen wurde in lokalen Zeitungen zwar über das zeitgleich stattfindende Erntedankfest eines nahegelegenen 200-Seelen-Dorfes, nicht aber über das Treffen politisch engagierter Jugendlicher der größten Minderheit Europas berichtet. Auch in den darauffolgenden Jahren blieb das Interesse größerer und kleinerer Medien bis auf wenige Ausnahmen aus. Oftmals mit der Begründung, es gebe in den dezentralen Veranstaltungsorten keine Korrespondent*innen. Diesem Argument fehlte 2018 mit dem Veranstaltungsort Berlin jede Grundlage.

Deutschland erlebt derzeit einen massiven Rechtsruck. Schwarze Menschen, People of Color, Juden*Jüdinnen und Rom*nja und Sinti*zze werden immer stärker bedroht von rassistischer Hetze und Gewalt. Angesichts dieser Entwicklungen braucht es klare Positionierungen gegen rechts und es braucht die Möglichkeit für rassistisch Verfolgte, ihre Positionen öffentlich zu machen. Die Medien sind für den derzeitigen Rechtsruck in Deutschland mitverantwortlich. Sie gestalten die öffentliche Meinung mit durch eine Fokussierung auf Negativschlagzeilen, insbesondere wenn es um Minderheiten, Einwanderung und Asylsuchende geht. Sie gestalten mit, wenn sie sich einem Umdenken bezüglich der Verwendung von Begriffen wie „Flüchtlingskrise“ oder „fremdenfeindlich“ verweigern, die rassistische Denkweisen fortschreiben.*** Sie gestalten mit, wenn sie entscheiden, dass an jungen Rom*nja und Sinti*zze, die ihre Positionen vertreten wollen, kein Interesse besteht.

Was haben Sie, was haben die deutschen Medien also auch dieses Jahr verpasst? Welche Inhalte fehlten an besagtem Wochenende in Radio, Fernsehen, Print- und Onlinemedien? Verpasst wurde die Möglichkeit, Interviews mit jungen Rom*nja und Sinti*zze aus verschiedenen Bundesländern zu führen, ihre unterschiedlichen Geschichten und Standpunkte einem breiten Publikum vorzustellen. Sie hätten ihre Eindrücke aus den Workshops zu Fotografie und sozialen Medien, revolutionärem Tanztheater, politischer Teilhabe und Romnja-Geschichte während des Nationalsozialismus geteilt. Sie hätten erzählt, was dieses größte Treffen junger Rom*nja und Sinti*zze für sie persönlich bedeutet und wie ihre Vision für eine andere Gesellschaft aussieht.

Verpasst wurde es also Bilder, Stimmen und Geschichten junger Rom*nja und Sinti*zze in die Öffentlichkeit zu tragen, die aktiv dieses Land mitgestalten, politische Ideen entwickelt haben und sich selbstbewusst für ihre Ziele einsetzen. Wie etwa bei der öffentlichen Podiumsdiskussion am Sonntagabend, auf der jugendliche Teilnehmer*innen ihre Fragen und Forderungen mit Susanna Kahlefeld (MdA Berlin, Bündnis90/Die Grünen) diskutierten.

Eine solche Berichterstattung wäre in der derzeitigen Medienlandschaft eine kleine Sensation, denn sie findet bislang, bis auf viel zu wenige Ausnahmen, nicht statt. Verpasst wurde nicht zuletzt die Möglichkeit, ein Zeichen für eine solidarische Gesellschaft der Vielfalt und der Vielen zu setzen. Ein Ziel, das sich viele Medien auf die Fahnen schreiben.
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* Eine Rückmeldung auf unsere Presseeinladung kam von Radio Bremen. Eine Journalistin führte im Vorfeld der Bundesjugendkonferenz ein Interview mit dem Bremer Musiker und Aktivisten Femi Abazi. Das Interview kann hier angehört werden.

** Markus Ends Studie „Antiziganismus in der deutschen Öffentlichkeit“ für das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma aus dem Jahr 2014 belegt diese medialen Mechanismen ausführlich.

*** Vgl. Glossar der Neuen deutschen Medienmacher: „Flüchtlingskrise“ S. 54, „Fremdenfeindlichkeit“ S. 22

 

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